Wo wir (auch) anpacken dürfen

Wo wir (auch) anpacken dürfen

Wer will, kann hier so richtig anpacken! Holz hacken, Steine klopfen, mähen, sägen, mauern! Und wer will, kann hier faulenzen: Pause machen, wandern, die Gegend auskundschaften. Seit einem Jahr ist die Hostelleria in Linescio ein Partnerhaus der Naturfreunde Schweiz.

Die Hostelleria in Linescio – das ist ein Ensemble von geschmackvoll restaurierten, uralten, unverputzten Steinhäusern. Es sind Häuser von der Art, wie sie unsere Vor-Vorfahren erbaut haben: mit den Materialien, die sie in unmittelbarster Umgebung der Natur entnommen haben. Wer heute für ein paar Stunden oder Tage in eines dieser Häuser einzieht, sieht die Logik dieser Bauweise. Sie ist wohltuend einfach, wohltuend ungekünstelt, wohltuend naturnah.

Vom Mädchen mit der Sense

Zentralheizung gibt’s in keinem der vier Rusticos der Hostelleria. So wie es vor 100 Jahren in keinem Haus in den Tessiner Bergen eine solche gegeben hat. In der Hostelleria reagiert man darauf mit zwei Optionen: über die Wintermonate überlässt man die Häuser sich selbst. Und für gelegentliche Kaltluft-Einbrüche während des Sommerhalbjahres gibt’s das Kaminfeuer. Ich als Gast, du als Gast – wir dürfen feuern!

„Wir dürfen…“. Es ist dies einer der Pluspunkte der Hostelleria. Man darf hier was tun! Man darf – aber man muss nicht! Oft sind es Lehrer und/oder LeiterInnen von Vereinen, die von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Und ergo sieht man hier des öfteren Buben und Mädchen, Burschen und Mädels am Bauen, am Pflastern, am Mähen, am Sägen. Und wie wir darüber reden, erinnert sich Marc, der Hüttenwart der Hostelleria, an jenes Mädchen, das beim Abendessen sichtlich stolz von ihrem Muskelkater erzählte, den es sich den Tag über durch das Mähen mit der Sense eingeholt hatte.

Von 265 runter auf unter 20

Die Hostelleria – es ist eine aus der tiefen Vergangenheit des Tals herausgewachsene Geschichte. Hier, in diesen Steinhäusern, haben Menschen gelebt (im Jahr 1870 sollen es im ganzen Dorf deren 265 gewesen sein; im 1970 deren 53 und heute weniger als 20), die dieses Tal vielleicht ihr ganzes Leben nicht ein einziges Mal verlassen haben. Hier, in Linescio, haben Menschen gelebt, die die Dunkelheit und Gefahren der Nächte komplett erlebt haben. Hier haben Menschen gelebt, die mit der Natur gerungen haben. Eindrückliche Zeugen ihrer Anstrengungen und Überlebensstrategien sind die Trockensteinmauern. Damit haben die Dörfler die steilen, zum Himmel steigenden Hänge terrassiert und damit dringend nötige Anbauflächen gewonnen; für ihren Roggen, ihre Gerste, ihr Gemüse, ihre Kastanien – für ihr Überleben.

Wer heute nach Linescio kommt, sieht in dorfnähe (wieder) einige hundert Meter solcher Trockensteinmauern (deren Gesamtlänge beläuft sich auf 25 km). Sie wären für ewig ins Reich der Vergessenheit abgesunken, hätten vor 30, 40 Jahren nicht ein paar Pioniere die Initiative ergriffen und Gegensteuer gegeben. Und das hiess: an die Zukunft glauben, die Chancen packen, Hand anlegen. Einer jener Pioniere war/ist der heute 70-jährige, aus dem Kanton Luzern stammende Umberto Florèo Hollenweger. Nachdem er (ein gelernter Maurer) in den 1970er Jahren mit ein paar Freunden ein erstes halb verfallenes Rustico gekauft hatte, gründete der inzwischen (auch) als Rechtssoziologe tätige Hollenweger im Frühling 1997 die Stiftung Rivivere Canton Sotto – mit dem Ziel, durch Landschafts- und Kulturschutz einen Beitrag zu leisten für die Wiederbelebung und nachhaltige Entwicklung von Linescio. Der heute wohl sichtbarste „Output“ dieser Stiftung ist die Hostelleria mit ihren mittlerweile vier restaurierten Rusticos! Die Fondazione Rivivere ist damit ein Lehrstück darüber, was Tourismus auch sein kann: eine belebende Lektion in Geschichte, Kultur, Geografie und in der Kunst des menschlichen Zusammenlebens und -Wirkens.

Wandern, baden, entdecken

Wie gesagt, wer will, kann hier stets irgendwo anpacken. Ein Muss aber ist das nie! Alternativen dazu gibt’s zuhauf. Eine davon ist das Baden im Fluss, in der Rovana. Etwa 150 Meter unterhalb der Hostelleria säumen elefantengrosse Steinmocken ihre Ufer, tiefe Becken reizen zum Kopfsprung, und wenige Meter flussaufwärts mahnt die dunkle Schlucht zur Vorsicht.

Über diesen Fluss (respektive über eine aus dem Jahr 1700 datierende Steinbrücke) geht auch, wer die Ruinen von Faido auf der rechten Seite des Rovanatals auskundschaften will. Faido, das sind ein Dutzend in sich zerfallende Steinhäuser; hier hat die Natur das Zepter über die Kultur übernommen, hier werden Häuser zu Skeletten; die Natur wird sie dereinst gänzlich überwuchert haben, wie die Grabsteine auf einem vergessenen, sich selbst überlassenen Friedhof.

Nun, wer wandert, bewegt sich in anderen Zeitformaten; ergo ist da auch genügend Raum zum Erinnern. Etwa daran, dass genau hier, durch das heute zerfallende Faido, einst die «Hauptverkehrsader» nach Linescio geführt hat. Wer früher von Cevio, dem Hauptort im Maggiatal nach Bosco Gurin wollte, kam hier durch. Die heutige Fahrstrasse von Cevio nach Linescio (mit ihren zehn Spitzkehren) und weiter nach Campo wurde nämlich erst 1895 erbaut.

Natur, Kultur, Entwicklung: in diesem Sinne gibt’s hier unzählig vieles zu entdecken. Die Hostelleria bietet einem dazu das ideale Basislager. Einmal hat Umberto Hollenweger zu deren geografischer und kultureller Lage den Satz ausgesprochen. „Wir sind nah vom Lago Maggiore und genug weit weg von Alltagszwang & Hektik“. Nun, damit hat er sehr wohl recht.

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