10.12.2019

3 Fragen an Balthasar Glättli

Dieses Mal gehen die 3 Fragen an Naturfreunde-Mitglied und Zürcher Nationalrat Balthasar Glättli. Er ist Teil des Initiativkomitees der Gletscher-Initiative, die am 27. November mit über 112’000 Unterschriften eingereicht worden ist und für die sich auch die Naturfreunde Schweiz ausgesprochen haben.

Mein Neffe ist diesen Herbst Vater von Zwillingen geworden. Er ist einer der über 112’000 Menschen, der die Gletscher-Initiative unterschrieben hat. Werden seine beiden Kinder, wenn sie dann mal 18 sind, den Rhonegletscher noch sehen?

Ich kann es nur hoffen! Sicher bin ich nicht. Die Gletscher stehen als Mahnmal dafür, was wir in der Schweiz verlieren, wenn wir uns nicht für mehr Klimaschutz einsetzen. Da geht es nicht nur um erodierenden Alpen, sondern um die Lebensgrundlage von uns allen. Die Initiative fordert einen Ausstieg aus fossilen Energieträgern, damit wir das von der Schweiz ratifizierte Ziel des Pariser Klimaabkommens erreichen: Null Treibhausgasemissionen bis 2050. Wenn wir uns nicht rasch auf diesen Weg machen, ist es nicht nur für den Rhonegletscher zu spät.

Im August, als die Unterschriften-Sammlung für die Initiative im vollen Gang war, hat der Bundesrat eine Verschärfung der Klimaziele angekündigt und sich damit zum Ziel der Gletscher-Initiative bekannt. Gleichwohl hält das Komitee an der Initiative fest. Warum?

Die Verschärfung des Klimaziels durch den Bundesrat ist wichtig. Aber das genügt nicht. Erstens bleibt unklar, ob die Emissionen des internationalen Flugverkehrs mitgerechnet werden. Und zweitens will die Gletscher-Initiative nicht nur ein Ziel, sondern definiert den Weg: einen mindestens linearen Absenkpfad und einen Kontrollmechanismus dafür. Das gute Ziel allein genügt nicht. Die Gletscher-Initiative braucht es, solange der Weg zum Ziel nicht beschlossen ist.

Die Auseinandersetzung mit dem sich rasch verändernden Weltklima ist für viele von uns eine sehr emotionale Angelegenheit: Sorge, Wut, Angst, Hoffnung, Resignation; und erneut Hoffnung, Tatendrang, Sorge, Hoffnung… – das ganze Spektrum! Als Politiker sind Sie diesen Stimmen ausgesetzt. Wie lautet dazu Ihre Botschaft?

“Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch” dichtete bekanntlich Hölderlin. Wir als Gesellschaft können gemeinsam wachsen und müssen demokratisch unser fossiles Wirtschaftssystem auf ein neues Fundament stellen. Die Klimabewegung gibt mir dabei Hoffnung. Die immensen Anpassungen für mehr Klimaschutz sind dann möglich, wenn die Politik neue Leitplanken setzt für Wirtschaft und Finanzwesen und wenn wir Wohlstand nicht mehr über das unendliche Wachstum der Wegwerfwirtschaft definieren, sondern als Wohlbefinden und als gutes Leben möglichst aller Menschen. Die Sorge verstehe ich. Es ist ernst. Ich will aber vor allem die Hoffnung stärken: Wenn wir den Ausstieg aus der kurzsichtigen Ausbeutung von Natur und Mensch schaffen, werden wir in einer viel menschlicheren, aber auch gegenüber der Natur respektvolleren Welt leben.

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