27.03.2020

Alle Räder still

In seinem Text des „Bundesliedes des allgemeinen deutschen Arbeitervereins“ schrieb der Dichter und Revolutionär Georg Herwegh in seinem Schweizer Exil 1863 die berühmten Zeilen: „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“. Nicht irgendein starke Arm sorgt zurzeit weltweit dafür, dass immer mehr Räder stillstehen. Ein Virus in der Grösse von 80 bis 160 milliardstel Metern bringt das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in vielen Ländern zum Erliegen. Der Gesundheitsversorgung droht auch in hochentwickelten Ländern der Kollaps. Sportveranstaltungen und kulturelle Anlässe finden noch in Form von Wiederholungen im Fernsehen statt. Krisenstäbe sind im Dauereinsatz. Regiert wird mit Notrecht. Finanzspritzen des Staates in Milliardenhöhe sollen Notlagen von Firmen und Beschäftigten abfedern, im Extremfall das Grounding ganzer Branchen verhindern.

Die Auswirkungen dieser Krisensituation treffen ganz unterschiedlich. Während der Versandhandel boomt, werden viele Restaurants, Coiffeursalons, Kulturschaffende oder Marktfahrer wirtschaftlich nur überleben, wenn die öffentliche Hand sehr rasch substanzielle Unterstützung leistet. In vielen Berufen ist Arbeit zu Hause nicht möglich. Kurzarbeitsentschädigung ersetzt nicht den vollen Lohn. Bei ohnehin knappen Familienbudgets und fehlenden Ersparnissen reicht das Geld nicht mehr für das Lebensnotwendige. Das grosse und kreative Engagement der Lehrerinnen und Lehrer, damit zu Hause lernen möglich wird, kann nicht verhindern, dass geschlossene Schulen die Unterschiede bei den Bildungschancen vergrössern. Zu Hause bleiben kann nur, wer auch ein Zuhause hat.

Auch wir Naturfreundinnen und Naturfreunde werden von der aktuellen Situation in voller Härte getroffen. Die mit viel Herzblut vorbereiteten Aktivitäten finden nicht statt. Versammlungen und Veranstaltungen müssen abgesagt werden. Mangels Nachfrage und wegen der behördlichen Auflagen bleiben die Naturfreundehäuser geschlossen, mit gravierenden finanziellen Konsequenzen. Gemeinsam Natur erleben, für Begegnung und Bewegung sorgen – die Grundpfeiler der Naturfreundebewegung – sind bis auf weiteres weggebrochen.

Unsere Einrichtungen im Gesundheitsbereich funktionieren trotz Ausnahmesituation. Die Versorgung mit lebensnotwenigen Gütern ist jederzeit und für alle gewährleistet. Infrastrukturleistungen stehen zuverlässig zur Verfügung. Zu diesen positiven Tatsachen kommen Werte zum Tragen, die hoffentlich über die aktuelle Krisensituation hinaus Bestand haben:

  • Dank dem entschlossenen und umsichtigen Handeln der Behörden wurde das Vertrauen in unsere politischen Institutionen gestärkt. Für Aufgaben im Interesse des Gemeinwohls zur Verfügung stehen und vom Recht auf politische Mitbestimmung Gebrauch machen, müsste in Zukunft wieder vermehrt zur Selbstverständlichkeit werden.
  • Die aktuell gelebte Solidarität trägt ganz entscheidend zur Eindämmung der Krise und seiner wirtschaftlichen Folgeschäden, zum Überleben möglichst Vieler und zur Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts bei. Diese Herausforderungen bleiben auch nach der hoffentlich bald überwundenen Ausnahmesituation bestehen und damit die Notwendigkeit solidarischen Handelns.

Urs Wüthrich-Pelloli
Präsident der Naturfreunde Schweiz

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