Naturschutz ist auch Menschenschutz

Balthasar Glättli politisiert seit 2011 für die Grüne Partei der Schweiz GPS im Nationalrat. Er ist Mitglied der Naturfreunde Schweiz. Photo von Béatrice Devènes

In Zeiten von Covid waren viele Medien auf die täglichen Ansteckungszahlen fixiert und die Massnahmen zum Schutze der besonders gefährdeten Menschengruppen. Weniger berichtet wurde darüber, dass unser Umgang mit der Natur auch einen Einfluss darauf hat, wie gross das Risiko ist, dass Krankheitserreger von Wildtieren auf Menschen überspringen. So hat auch ein entsprechender Appell von 126 Schweizer WissenschaftlerInnen nicht die nötige Aufmerksamkeit gefunden.

Sie schrieben: «Es leben immer weniger Wildtiere auf der Erde. Sie machen nur noch 5% der Biomasse aller Landsäugetiere aus. Deshalb könnte man denken, dass die Bedrohung, die von der Übertragung eines Virus von wild lebenden Säugetieren auf Menschen ausgeht, abnimmt. Das Gegenteil ist aber der Fall. Denn unser Fussabdruck auf dem Planeten ist problematisch geworden. Das zeigt der globale Bericht der zwischenstaatlichen Plattform für Biodiversität und Ökosystemleistungen. Die Fragmentierung und Zersiedelung der Naturlandschaften und die Verarmung der biologischen Vielfalt haben zur Folge, dass die Nahrungsketten in der Natur so stark gestört werden, dass Wildtiere vielerorts notgedrungen auf Ressourcen ausweichen, die aus menschlichen Aktivitäten entstehen. Dadurch aber erhöht sich das Risiko der Übertragung von Krankheitserregern von Wildtieren auf Menschen, entweder direkt oder über ihre Haus- und Nutztiere.»

Der Mensch im Anthropozän 

Wir wissen längst: Natur und Mensch leben nicht in klar voneinander getrennten Bereichen. Wirklich unberührte Natur gibt es kaum mehr. Und selbst dort, wo der Mensch auf den ersten Blick keinen direkten Einfluss nimmt, wirken die menschgemachten Klimaveränderungen. Das sorglose Wirtschaften und die Wegwerfgesellschaft haben überall auf der Welt ihre Spuren hinterlassen. WissenschaftlerInnen sprechen darum davon, dass ein neues Erdzeitalter eingeläutet wurde: das Anthropozän. Damit wird auch wissenschaftlich festgehalten, dass der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. 

Damit stehen wir alle, jede und jeder von uns, mit in der Verantwortung. In der Verantwortung, zu einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung beizutragen. So kommt heute wieder zusammen, was auch ganz am Anfang der Geschichte der Bewegung der Naturfreunde stand. Die Naturfreunde entstanden im 19. Jahrhundert als Teil der Arbeiterbewegung. Sie verbanden die soziale Frage mit der Freude an der Natur aber auch mit dem Respekt vor der Natur. 

Heute zeigt es sich, ganz aktuell: Natur- und Umweltschutz, der Einsatz gegen das Klimafieber und für die Biodiversität ist auch Menschenschutz. Die Sorge um die Mitmenschen und die Sorge um die Natur, sie sind kein Gegensatz. 

Warum betone ich dies so stark? Aktuell, nach der COVID-Krise, besteht durchaus die Gefahr, dass eine bürgerliche Mehrheit in unserem Parlament eine harte Sparpolitik beschliesst. Darunter drohen nicht nur soziale Anliegen zu leiden, sondern auch der Einsatz für die Biodiversität und gegen das Klimafieber. Das wäre fatal. 

Ich hoffe dagegen, dass es gelingt, die Krise zu einer Transformation zu nutzen. Ich hoffe, dass wir die notwendigen Investitionen dafür verwenden können, dass wir grüner und solidarischer in die Zukunft schreiten.

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