02.10.2020

Rettet die Trift!

Ein mächtiger Gletscher fliesst seit vielen Jahrtausenden bis weit hinunter ins Tal. Dann bricht der eisige Riese innert weni-ger Jahre in sich zusammen. Unterhalb des zurückschmelzenden Gletschers entsteht ein grosser natürlicher See, gespiesen von wilden Gletscherbächen. Solches geschah nicht weit weg von uns in Skandinavien oder in Kanada, sondern im Triftgebiet im Berner Oberland.

Es war vor bald 30 Jahren, als ich zum ersten Mal den Aufstieg von der Sustenstrasse hinauf ins Triftgebiet unter die Füsse nahm. Nach mehrstündiger Wanderung langten wir bei der Windegghütte an. Etwas unterhalb breitete sich der Triftgletscher aus, das Eis reichte bis zur Felsbarriere am vorderen Ende des Triftkessels.

Heute liegt an dieser Stelle ein grosser, natür-licher See. Denn mit der fortschreitenden Kli-maerwärmung hat sich der Triftgletscher in den letzten Jahrzehnten stark zurückgezogen. Weiter oben unter dem Winterberg liegen zwar immer noch grosse Eismassen, aber von hier unten ist der Gletscher nur noch ganz hinten im Tal sichtbar. Unter den freigelegten Gletscherschlif-fen hat sich ein frisches, dynamisches Gletscher-vorfeld gebildet, eine urtümliche Bergwildnis, die für Wandernde nur schwer zugänglich ist.

Über 100 Meter hohe Staumauer

Im von Menschen kaum berührten Bergkessel der Trift sind die Kraftwerke Oberhasli seit einigen Jahren an der Planung eines Stausees mit einer über 100 Meter hohen Staumauer. Neben dem Stausee gehören zum Projekt der Bau einer neuen Kraftwerkzentrale in der unteren Trift und eine neue Wasserfassung im Steinwasser unterhalb von Steingletscher.

Rechtfertigt der Ertrag den Eingriff?

Mit einem Nutzvolumen von 85 Millionen Kubikmetern und einer Leistung von 80 Mega-watt würde das neue Triftkraftwerk die künftige Energieversorgung in der Schweiz nur in einem bescheidenen Ausmass unterstützen. Auch mit einem allfälligen Ausbau zum Pumpspeicher könnte die Trift nur einen kleinen Beitrag zur Deckung der inländischen Winterstromlücke leisten. Lässt sich damit die Zerstörung dieser eindrücklichen Gebirgslandschaft überhaupt rechtfertigen?

Unmittelbar an die Trift angrenzend liegen mit den Berner Hochalpen und dem Rho-negletscher zwei wichtige Schutzgebiete, die schon vor Jahrzehnten in das BLN-Inventar des Bundes aufgenommen wurden. Der einzige Grund, warum das damals nicht auch mit der Trift geschah, ist wohl dem Umstand zu schul-den, dass das stark vergletscherte Gebiet lange Zeit praktisch unzugänglich und eine Nutzung undenkbar war. So besteht heute kein expliziter Schutzstatus. Dennoch gibt es meiner Meinung nach genügend triftige Gründe, auf das Stau-seeprojekt zu verzichten.

Der Bund formuliert im Landschaftskonzept Schweiz als übergeordnetes Ziel, dass die Natürlichkeit der hochalpinen Landschaften erhalten werden soll. Wieso also nicht das bestehende BLN-Gebiet um die Trift erweitern und als Wildnisgebiet erhalten?

Es gibt Alternativen

Die Kraftwerks-Promotoren begründen ihr Projekt u.a. mit dem zusätzlichen Strombedarf, der sich durch den geplanten Ausstieg aus der Atomkraft ergibt. Es wird auch argumentiert, dass wir für den Klimaschutz in Zukunft auf elektrische Energie anstatt auf Öl, Gas und Kohle setzen müssen. Diese Argumente sind grundsätzlich richtig und wichtig, berücksich-tigen aber nicht, dass wir diese Ziele nicht mit dem Bau neuer Wasserkraftwerke wie in der Trift erreichen können. Vielmehr müssen wir das enorme Ausbaupotenzial der Photovoltaik nutzen, das auch in der Schweiz besteht. Und zur Überbrückung der sonnenarmen Winter-monate entwickelt die Forschung gegenwärtig neue Techniken der Energiespeicherung, da die Stauseen hierzu nur einen sehr begrenzten Beitrag leisten können.

Letzte landschaftliche Perlen

Wie in der Trift entstehen heute unter den zurückschmelzenden Gletschern an vielen Orten der Alpen neue Gletschervorfelder und Gletscherseen. Diese neue Bergwildnis besitzt einen hohen landschaftlichen und ökologischen Wert, den es zu erhalten und zu fördern gilt. Die Kraftwerksgesellschaften werden in den kommenden Jahren weitere Projekte für neue Stauseen unter den schwindenden Gletschern präsentieren. Vor allem im Berner Oberland und im Wallis sind bereits heute eine Reihe von Standorten im Gespräch.

Ich halte es daher für sehr wichtig, dass der Landschaftsschutz konsequent für die Erhal-tung dieser einmaligen Berglandschaften ein-tritt. Ansonsten dürfte es schwierig werden, in den zu erwartenden Aushandlungsprozessen die letzten landschaftlichen Perlen der Alpen zu retten. So wünsche ich mir, dass es nicht dazu kommen wird, dass der Klimaschutz und der Schutz unserer einmaligen Landschaften gegeneinander ausgespielt werden. Denn Kli-maschutz sollte immer ganzheitlicher Umwelt- und Menschenschutz sein.

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