02.10.2020

Unsere Adresse im Calancatal

Das Cascata ist über 100 Jahre alt, ein aus Paris zurückgekehrter Auswanderer hat dieses Haus in Augio im Jugendstil erbauen lassen, heute ist es sowohl Hotel wie auch Kulturzentrum – und zudem ein Naturfreunde-Partnerhaus. Darum übernachten NFS-Mitglieder im La Cascata zu einem Vorzugspreis.

Einmal mehr: wer sich mit der Geschichte des Calancatals beschäftigt, wird eher früher als später auf das Thema Auswanderung stos-sen. Mit einem Auswanderer, respektive einem Rückkehrer beginnt auch die Geschichte des Hotels La Cascata in Augio – auf dem seit 2009 ein aus Sizilien stammendes Ehepaar wirtet. Für das Tal ist das Cascata ein Glücksfall. Davon profitieren Einheimische wie auch Besuchende.

122 Spiegel…

Das augenfälligste und für den Gast wohl das eigentliche Herzstück dieses Hauses ist der Speisesaal. Am Abend, beim Essen in diesem Saal, sorgt die weit ausladende, mit feinen Stahlschnüren sternenförmige fixierte Deckenbeleuchtung für festliches und dennoch warmes und unaufdringliches Licht; eine Atmosphäre, die zum Bleiben, zum Länger-Sitzenbleiben verführt, die Plauderei anregt und zum Zuhören animiert.

Das Legendäre in diesem Saal ist indes nicht dieser Deckenleuchter; nein, es sind die Spiegel! Rund um, an allen vier Wänden, ist dieser Raum mit geschliffenen Spiegeln ausgekleidet; es seien, so heisst es, deren 122! Jener eingangs erwähnte Frankreich-Heimkehrer (Carlo Spadino mit Namen) soll sie damals, 1910, direkt aus Paris mit ins Tal gebracht haben; man erzählt, insge-samt fünf Eisenbahnwagen voll mit Möbeln und Täfer habe der Carlo damals aus Paris zurück in seine alte Heimat fahren lassen.

Aufbruch und Niedergang

Entstanden ist dadurch ein kleines, ein schmuckes Jugendstil-Juwel. Gänzlich geprägt vom Traum und handwerklichen Können des Erbauers, der es mit seinem Geschick als Glaser und Maler in der Fremde zu Reichtum gebracht hatte. Und der, beim Umsetzen seines Traums, wohl auch den damals wehenden Geist des Aufbruchs geatmet hat; denn die Zeit vor und um die Jahrtausendwende, diese Belle Époque, war die Ära der (ersten) touristischen Erschliessung der Alpen; einerseits mit Bah-nen (die Rigi-Bahn startete 1871, jene auf den Rochers de Naye im 1892 und die Niesen-Bahn im 1902), andererseits mit Hotelbauten; von Graubünden bis ins Wallis und zum Eiger entstanden neue Hotels, ausgerichtet auf den Geschmack einer gut betuchten Klientel. Als Beispiele erwähnt seien das Grandhotel Giessbach am Brienzer See (1874 erbaut), der Palazzo Salis im Bergell (1876) oder das 1906 eröffnete Kurhaus Bergün an der Albula.

Nun, obwohl (für jene Zeit) ambitioniert, aber ein überbordender Prunkbau ist das Cascata in Augio nicht. Und war es wohl auch damals nicht. Hinzu kommt, dass der Lauf der Geschichte mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs dafür gesorgt hatte, dass für Carlo Spadino und seine junge französische Gemahlin die Bäume auch in Augio nicht in den Himmel wuchsen. Ab 1914 blieben die reich begüterten Gäste aus, zudem verlor Spadino sein in Russland angelegtes Vermögen. Das Ende seiner Karriere aber bedeutete dies nicht; mit seiner Frau Maria führte er das Hotel weiter, bis in die 1950er Jahre. Mit seinem Tod aber fiel La Cascata in einen langandauernden Dornröschenschlaf.

Der zweite Frühling

Wenn wir nun heute wieder in dieses Haus einkehren können, so profitieren wir vom Resultat einer in mehreren Etappen durchge-führten Renovation. Einige Hunderttausend Franken wurden im Laufe der letzten 30, 40 Jahre dafür investiert; den grössten Teil davon machen Spenden aus, die dank dem Einsatz der engagiert arbeitenden Träger-Genossenschaft zusammengekommen waren.

Einer, der dabei als Initiant und Motor eine zentrale Rolle gespielt hat, ist ein Mann, der die meiste Zeit seines Lebens, infolge einer Kinderlähmung, im Rollstuhl verbracht hat. Im 1973 hat er, gemeinsam mit Freunden, die Genossenschaft La Cascata gegründet; mit dem Zweck, das Haus zu kaufen, zu renovieren und als Hotel und Kulturzentrum zu führen. Wer dieser Mann war? Es war Rinaldo Spa-dino. Jeder in Augio, jeder im Tal kennt diesen Namen. Denn dieser Rinaldo Spadino – ein Enkel des Erbauers! – hat nicht ‚nur’, um es salopp zu sagen, das Cascata vor dem Zerfall gerettet; Rinaldo hat den Bewohnern der Tal-schaft auch mittels seiner Sprache Wichtiges über ihre eigene Herkunft und Identität ver-deutlicht. Denn: Rinaldo hat, als Schriftsteller und (Radio-)Journalist, den Geschichten, Hoffnungen und Taten der Talbewohner nachgespürt, er hat Bücher übers Val Calanca geschrieben, Romane, Hörspiele, Kurzgeschich-ten! Auf Deutsch übersetzt ist sein Buch ‚Guten Tag Herr Doktor’; es handelt – wen überrascht’s – unter anderem von der Auswanderung.

Diesen Sommer hätte die Genossenschaft La Cascata (die präsidiert wird vom ortsansässigen Paolo Papa, einem Neffen von Rinaldo Spa-dino) eine weitere Auflage des Demenga-Festi-vals für klassische Musik durchführen wollen, bei dem auch das Hotel Cascata in Augio eine wichtige Rolle spielt. Corona aber machte den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung. Nun haben sie den Anlass, hoffnungsvoll, aufs 2021 verschoben. Unsicher indes, ob das Hotel diesen Winter – aus Angst vor der Pandemie, wie sonst üblich – offen bleibt! Es wäre ein herber Verlust. Nicht nur für die Bewohner des Tals, sondern auch für Besuchende. Weil, als Ort für Begegnungen, als Ort zum Verweilen und als Basislager für Entdeckungen im Tal ist dieses besondere Haus, in einem der schönsten Dörfer des Tals, Gold wert.

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