Und jetzt wird’s Zeit fürs Rietlig-Haus

Es liegt hoch über dem Schächental, umgeben von Alpweiden, mit Sonnenterrasse und Blick auf Clariden, Windgällen, Spannort und Krönten, erschlossen durch Wanderwege, Bikerrouten und gar lustige Seilbähnchen. Seit bald 100 Jahren gibt’s dieses NF-Haus, es ist das Rietlig auf dem Ratzi – seit Dezember 2019 nun sind Vreni und Thomas Jurt-Blum die neuen Rietlig-Gastgeber. Die beiden sind mit ein (guter) Grund, dem Rietlig-Haus demnächst einen Besuch abzustatten.

Das Postauto, vom SBB-Bahnhof Flüelen herkommend, hält in Spiringen unweit des Schul- und Gemeindehauses und der vor 70 Jahren eingeweihten katholischen Kirche mit dem Friedhof; zu den häufigsten Namen auf den dortigen Grabkreuzen zählen Arnold, Gisler, Herger, Imhof und Imholz. Eine Gisler-Dynastie war es übrigens auch, die hier, einen Steinwurf entfernt von der Kirche, das Gasthaus St. Anton über 145 Jahre lang geführt hat. Wer zu Fuss ins Naturfreundehaus Rietlig hochsteigt, kommt an diesem St. Anton vorbei; und damit auch an einem Bildstock (einem Helgenstöckli), aus dem einen eine (Holz-)Figur grüsst, der zu Füssen ein Tier liegt, das man spontan dort nicht erwartet hatte: Es ist ein Ferkel, ein Säuli.

Nun, des Rätsels Lösung liegt nahe: das Gasthaus St. Anton zu Spiringen erinnert an den Heiligen Antonius, der ein besonders warmherziges Verhältnis zu Tieren gehabt haben soll, und auch mal ein Ferkel geheilt habe, das ihm danach sein ganzes Schweineleben lang nicht mehr von der Seite gewichen sei. Also handelt es sich bei der Figur im besagten Helgenstöckli um jenen Heiligen, der in der ländlichen katholischen Schweiz als Schutzpatron der Tiere verehrt wird – und zwar unter dem Namen Säuli-Toni; eine zumindest in der Innerschweiz bekannte, noch heute alljährliche stattfindende Bauernwallfahrt führt beispielsweise zur Säuli-Toni-Kapelle im luzernischen Stettenbach, unweit von Willisau/Grosswangen.

Am hölzernen Säuli-Toni und dem (ehemaligen) Gasthof St. Anton vorbei nun also auf den Weg hinauf ins Naturfreundehaus; wer den ganzen Weg zu Fuss zurücklegt, wird dafür zwei oder zweieinhalb Stunden unterwegs sein. Ausgenommen von einem Abschnitt in der Gegend von Fuhr ist man dabei stets auf nicht asphaltierten Wanderwegen unterwegs, ganz am Anfang und ganz am Schluss etwas steiler. Mal wandert man parallel zu einem den Hang runter plätschernden Bächlein, mal geht’s einer Hecke oder einer alten Trockenmauer entlang, mal vorbei an weidenden Rindern und Schafen, da und dort säumen Ahornbäume den Weg – und mit jedem Schritt weitet sich auf der gegenüberliegenden Talseite das Panorama. Zuletzt dann, auf dem Rietlig, reicht dieses vom Clariden bis zum Schärhorn und zur Gross Windgällen und vom Uri-Rotstock, Spannort bis zum Krönten.

Sag mir, was du isst, und ich sag dir wer du bist

Diese Berge, die einen steil, schroff und felsig, die anderen vergletschert und bezaubernd weiss, die einen bewaldet, die anderen tief durchfurcht – bei warmen Temperaturen stellen Thomas und Vreni auf der Rietlig-Sonnenterrasse ein paar Liegestühle auf und wir als Gäste können unseren Blick ungestört schweifen lassen auf diese Szenerie, den Berg hoch und den Berg runter und wieder hinauf, bis zu den Gebilden in den Wolken und also bis dorthin, wo Minuten oder Stunden nichts mehr gelten und alle Wege sich öffnen, um gänzlich neue, unerkannte Sphären zu betreten – manche sagen dem: die Welt beschauen und darüber zufrieden wegdösen!

Der Ausblick, die Sonnenterrasse, die Fernsicht – dies ist eine der grossen Qualitäten des Hauses. Eine andere, eine weitere ist das Essen. Also geht’s dabei auch darum, woher dieses Essen stammt. Vreni und Thomas gehen diesen Weg bewusst und wohltuend unaufgeregt. Weit davon entfernt, daraus ein Theater zu machen, haben sie seit ihrer Ankunft im Rietlig im Dezember 2019 freundliche und verlässliche Kontakte geknüpft zu ihrer Nachbarschaft, sowohl unten im Tal wie oben am Berg; und so holen sie bei dem einen Hof den Käse und beim anderen die Eier (auch Wachteleier), von dem einen gibt’s Fleisch vom Rind und vom anderen Fleisch vom Schaf; und ob Rüebli, Kartoffel oder Lauch; ob Kopfsalat, Rhabarber oder Spinat – was den beiden stets wichtig ist, das sind Herkunft, Qualität und Frische dieser Produkte.

Darin steckt einerseits eine natürliche Achtung vor dem Leben im Allgemeinen und vor den Lebens-Mitteln im Besonderen; andererseits kommt damit auch zum Ausdruck, was die beiden Rietlig-Leute meinen, wenn sie von den Möglichkeiten und Chancen eines ‘sinnvollen und sanften Tourismus’ reden: Auf dass, dank gebührender Wertschätzung, damit auch lokale, menschen- und naturfreundliche Entwicklung einhergehe!

Als Vreni und Thomas Jurt vor gut einem Jahr im Rietlig loslegten, hatten sie anfänglich eine gedruckte Speisekarte. Zwar nicht riesig, aber dennoch! Heute verzichten sie darauf. Heute geht Thomas an den Tisch der Gäste und erläutert, was die Küche aktuell zu bieten hat; und dort in der Küche ist Vreni die Chefin und damit Garantin, dass sich die Besucher auf was Feines freuen dürfen – auch im Wissen darum, dass im Rietlig-Haus einem Gebot ganz besonders nachgelebt wird: Unsere Nahrung, unsere Lebensmittel sind etwas Essentielles. «Food-Waste», so sagt es Thomas unmissverständlich, «Food-Waste darf es hier nicht geben!» Übrigens: auch im Jahr 2021 (falls Corona es erlaubt) besteht im NF-Haus Rietlig die Möglichkeit, für sich selbst zu kochen; allerdings muss dies vorgängig abgesprochen werden.

Klein und fein

Und jetzt hinauf in den ersten und zweiten Stock des Hauses: dort finden sich insgesamt elf Zimmer mit insgesamt 39 Betten. Das grösste davon ist ein Familien-Zimmer direkt unter dem Gibel, die anderen sind Zwei-, Drei- und Vierbett-Zimmer; in zweien davon ist sogar ein ausziehbares Bett für Kleinkinder ins Elternbett integriert. Die einen dieser Zimmer sind winzig, die anderen etwas grösser, aber allesamt holzverkleidet und versehen mit einem Fenster! Und jedes Rietlig-Bett ist mit Kopfkissen und Duvet ausgestattet – wobei, aus hygienischen Gründen, das Benutzen eines dünnen Schlafsacks obligatorisch ist.

Wandern und die Bähnchen!

Und schliesslich und endlich zu einer weiteren, gewichtigen Qualität des Rietligs: es ist dessen Lage inmitten eines wunderbaren Wandergebiets. Die bekannteste Route hierzu dürfte der Schächentaler Höhenweg sein; dieser führt vom Klausenpass zu den Eggbergen (über Altdorf) und da bietet sich, ziemlich genau in der Mitte dieser sieben- bis achtstündigen Wanderung, das Rietlighaus als perfekt positioniertes Übernachtungslager an. Attraktiv (und anspruchsvoll) auch die Routen via Chinzig Chulm ins Bisistal, ins Dorf Muotathal oder zur Lidernenhütte. Vreni und Thomas sind ebenfalls Wandervögel, er selbst ist zudem ausgebildeter Wanderleiter, und ergo kennen sie sich im Gebiet um ‘ihr’ Haus bestens aus und sind gerne bereit, bei der Routenplanung behilflich zu sein.

Und da empfiehlt es sich, auch Seilbahnen mit in diese Planung miteinzubeziehen. Mit seinen 46 öffentlich zugänglichen Personenbahnen verfügt der Kanton Uri über das dichteste Seilbahnnetz der Schweiz, und eine Vielzahl davon gibt’s eben auch hier im Schächental. Vorab zu nennen ist die Seilbahn Spiringen-Ratzi (also jene, die zum Rietlig führt). Mögen einem die 8er-Gondeln dieser Bahn bereits das Herz erwärmen, so dürfte es einem mit den halboffenen Kabinen der Spiringen-Chipfen-Tristel-Bahn vollends den Ärmel hineinnehmen. In ihrem Aussehen erinnern sie an simple Harassen; kleine Kisten, die an einem Drahtseil hängen und durch die Luft gleiten. Die Einheimischen nennen sie denn auch liebevoll ‘Schiffli’. Zieht man also die Fahrt in so einem Schiffli (oder sonst einer Seilbahn) mit ein in die Routenplanung, lässt sich das Schächentaler Wanderland – mit dem NF-Rietlig als Basislager – gar genüsslich erkunden!

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