Farbe bekennen.
Die Naturfreunde Schweiz auf dem Weg vom Arbeiterkulturverein zum Verband für ökologisch-gemeinschaftliches Naturerleben.
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Auftakt: Fünf vor zwölf.
Es ist wirklich fünf vor zwölf, schreibt Walter Weber 1983. Wir haben noch 350 000 Franken Reserve, und dann? Die Auflösung des Landesverbandes ist für den langjährigen Zentralsekretär ein denkbares Szenario.
Vier Jahrzehnte später gibt es den Landesverband noch immer. Auch die Geldsorgen gibt es noch. Hingegen bedrängen ihn die Grundfragen, die den Verband über Jahrzehnte umgetrieben haben, heute weniger. Was soll der Verband tun und was nicht? Soll er initiieren und zentralisieren, oder eher koordinieren und unterstützen? Umweltpolitisch Stellung beziehen? Ein naturbewusster Freizeitverband sein? Die Naturfreundehäuser markttauglich machen? Sanften Tourismus betreiben? Ökohotels führen?
Doch der Verband ist heute ein anderer als vor vierzig Jahren. Er hat nicht mehr 195 Sektionen sondern 99 und nicht mehr 30 000 sondern 12 500 Mitglieder. Diese sind nicht mehr überwiegend Männer sondern gut zur Hälfte Frauen, und ausserdem nicht mehr meist über 40 sondern über 50 Jahre alt. Nicht zuletzt zählen viele zu einer gebildeten Mittelschicht und gehören nicht mehr der arrivierten Arbeiterschicht an, wie es diese in den 1980er-Jahren noch gab.
Mitte der 1980er-Jahre lautete die Frage: Wie ist ein Verband zu retten, der aus der Arbeiterkulturbewegung stammt und in der Bürokratie stecken geblieben ist? Es beginnt ein Umbauprozess, der starke Widerstände und Gegenbewegungen auslöst. Der Verband wird Experimentierfeld, Spielplatz und bisweilen Kampfzone. Er wird Professionalisierungs- und Marketingstrategien unterworfen, durchläuft Reorganisationen, weckt Visionen, versinkt im Chaos, verliert an Ansehen und wird erneut zum Leben erweckt. Hoffnung und Angst, Freude und Enttäuschung, Ärger und Enthusiasmus liegen nah beieinander. Die Verbandsspitze funktioniert in manchen Zeiten als gut eingespieltes Team, dann wieder dominieren Misstrauen und Machtkämpfe. Seit 2017 findet der Verband zurück zur Stabilität und zugleich zu einer alt-neuen öko-sozialen Werthaltung.
Die Transformation der Naturfreunde Schweiz findet in einem Umfeld statt, das von starkem politischen und wirtschaftlichen Wandel und im Kern von einem gesellschaftlichen Paradigmenwechsel geprägt ist. Bedeutungsvoll sind für die Naturfreunde dabei die Politisierung von «Umwelt»- und Naturfragen und die Transformation der alten Sozialdemokratie, die machtvoll aufsteigende Marktlogik und Eventkultur sowie die Erosion des herkömmlichen Vereins und ein Wandel im Verständnis von Zivilgesellschaft.
Wäre es nach Walter Weber gegangen, dem peniblen Buchhalter, wäre die Talsohle in den letzten 40 Jahren längst erreicht und die Auflösung des Verbands unausweichlich geworden. Doch offenkundig liessen sich die verschiedenen Generationen von Verbandsstrateg:innen nicht allein vom Blick auf die Zahlen leiten.
Dieser Text zeichnet den Weg nach, den der Landesverband der Naturfreunde Schweiz gegangen ist, seitdem er 1984 den grundsätzlichen Beschluss zum «Aufbruch» gefällt hatte. Dieser Weg ist lang, viele Männer und zunehmend auch mehr Frauen waren daran beteiligt. Das Wissen darüber ist hingegen wenig gesichert. Damit ein Verband morgen noch weiss, was er gestern getan hat und ob es funktionierte, braucht er ein Gedächtnis. Dieser Text ist ein Stück Gedächtnisbildung.
Zum Gelingen dieses Heftes haben viele beigetragen. Frühere und aktuelle Geschäftsleitungs- und Vorstandsmitglieder sowie Präsidenten waren bereit zu Gesprächen. Ich danke Peter Bernasconi, Paul Bayard, Hans Kaufmann, Martin Schällebaum und Sebastian Jaquiéry. Weiter haben mich ehemalige Mitarbeitende in Geschäftsleitung und Zentralsekretariat mit wertvollen Auskünften und Gesprächen unterstützt, namentlich René Moor, Peter Glauser und Rudolf Strahm. Die aktuellen Mitarbeitenden der Geschäftsstelle haben mich mit Auskünften und beim Auffinden von Akten unterstützt. Ich danke Ramon Casanovas, Roland Johner und. Mario Lehmann, der auch für die Gestaltung dieses Heftes verantwortlich ist. Nicht zuletzt geht mein Dank an Martin Jäger und Christine Schnapp, die das Manuskript sorgfältig durchgesehen und das ganze Projekt inhaltlich begleitet haben.

