Zug oder Flugzeug? Unter welchen Bedingungen Reisende umsteigen
Auf kurzen Strecken haben Reisende oftmals die Qual der Wahl zwischen Zug und Flugzeug. Um eine Entscheidung zu treffen, berücksichtigen sie bestimmte Kriterien. Diese ermöglichen es Mobilitätsanbietern und der Politik, die Resultate dieser Wahl in die gewünschte Richtung zu steuern.
Vor zwanzig Jahren gehörte die Strecke Madrid–Barcelona zu den meistbeflogenen Inlandverbindungen Europas. Heute reisen mehr als vier von fünf Fahrgästen auf dieser Route mit dem Zug. Es liegt nahe, darin einen Beweis zu sehen, dass die Bahn das Flugzeug schlicht verdrängt. Doch die Realität ist vielschichtiger: Auf manchen Strecken hat die Bahn deutlich an Bedeutung gewonnen, auf anderen bleibt das Flugzeug das Verkehrsmittel der Wahl. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Züge Flugzeuge ersetzen können, sondern unter welchen Voraussetzungen sich Reisende für das eine oder andere Verkehrsmittel entscheiden.
Die Erkenntnisse zeigen ein klares Muster. Die Bahn gewinnt dann Fahrgäste, wenn mehrere Bedingungen zusammenkommen: Reisezeiten, Komfort, gute Anschlüsse, ein dichtes Fahrplanangebot, Preise und Verkehrspolitik. Fehlen diese, behält das Flugzeug den Vorrang.
Zwei Bedingungen im Detail
Die Reisezeit hat einen starken Einfluss. Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zeigt, dass schon geringe Verbesserungen bei der Zuggeschwindigkeit die Zahl der Fluggäste spürbar senken, besonders auf Inlandstrecken.
Spanien verdeutlicht die Rolle von Preisen und Wettbewerb. Nach jahrzehntelangen Investitionen in den Hochgeschwindigkeitsverkehr, begleitet von mehr Anbietern und tieferen Preisen, befördert die Bahn heute auf mehreren wichtigen Korridoren die klare Mehrheit der Reisenden. Dazu zählt auch Madrid–Barcelona, einst eine der meistbeflogenen Inlandverbindungen. Sind Flüge jedoch deutlich günstiger als das entsprechende Bahnticket, verliert die Bahn diesen Vorteil wieder.
Der Schweizer Fall: Integration statt Ersatz
Die Schweiz verfolgt ein anderes Modell. Ihre Verkehrspolitik setzt darauf, Bahn und Flug zu einem einzigen, aufeinander abgestimmten Netz zu verbinden. Dieses Netz beruht auf anhaltenden Investitionen: Allein im Jahr 2020 investierte die Schweiz pro Kopf umgerechnet rund 440 Euro in die Schiene. Im benachbarten Deutschland waren es dagegen lediglich 80 Euro. Die hohe Bahnnutzung ist deshalb nicht Ausdruck einer nationalen Vorliebe, sondern Ergebnis langfristiger Finanzierung, Planung und Koordination.
Ein Kernstück ist der sogenannte Taktfahrplan: Züge, Busse und viele Schiffskurse sind so aufeinander abgestimmt, dass sie in regelmässigen, sich wiederholenden Abständen verkehren; an den Umsteigeknoten sind Ankünfte und Abfahrten so synchronisiert, dass die Umsteigezeiten kurz bleiben. Das Programm SWISS Air Rail überträgt dieselbe Logik auf den Flugverkehr: Bahn- und Flugabschnitte lassen sich in einer einzigen Buchung kombinieren. So werden Zugfahrten Teil des grösseren Luftverkehrsnetzes und können die Abhängigkeit von kurzen Zubringerflügen im Inland verringern. Die Schweiz lässt sich daher als ein Fall von Koordination verstehen – einer, der das Umsteigen zwischen den Verkehrsmitteln einfach macht.
Neue Strecken, ungleiche Wirkung
Von neuen Hochgeschwindigkeitsstrecken wird oft erwartet, dass sie Tourismus und Wirtschaftskraft auch in kleinere, abgelegenere Regionen bringen. In der Praxis fällt dieser Effekt geringer aus als oft angenommen. Eine OECD-Studie zur Schweiz stellt fest, dass Gäste häufig in grösseren Kantonen übernachten und mit dem Zug Tagesausflüge in kleinere, ländlichere Kantone unternehmen. Studien aus Frankreich und Italien zeigen Ähnliches: Zwar bringt der Hochgeschwindigkeitsverkehr insgesamt mehr Gäste, doch verkürzt er in manchen Städten die durchschnittliche Aufenthaltsdauer.
Für kleinere Reiseziele heisst das: Eine Bahnanbindung allein garantiert noch keine Übernachtungsgäste. Erfolgreich sind vor allem Orte, die besondere Unterkünfte, kombinierte Reiseangebote und Erlebnisse vor Ort bieten.
Viele Reisende sind der Bahn gegenüber durchaus aufgeschlossen. Eine Umfrage des Verbands der europäischen Bahnen und Infrastrukturunternehmen (CER) ergab, dass rund drei Viertel der Befragten für kurze und mittlere Distanzen den Zug dem Flugzeug vorziehen würden – allerdings nur, wenn die Reise schnell ist und verlässliche Anschlüsse bietet. Zwar spiegeln diese Zahlen erklärte Absichten wider und nicht das tatsächliche Reiseverhalten, doch sie decken sich mit dem, was in Spanien und auf der Strecke Paris–London bereits zu beobachten ist, wo ein konkurrenzfähiges Bahnangebot Reisende vom Flugzeug auf die Schiene gebracht hat.
Auch die Regulierung kann das Mobilitätsverhalten beeinflussen. So hat Frankreich Inlandsflüge auf Strecken eingeschränkt, für die eine geeignete Bahnverbindung besteht. In all diesen Fällen kehren dieselben Faktoren wieder – Reisezeit, dichtes Fahrplanangebot, Preis, Komfort, gute Anschlüsse und Verkehrspolitik. Die Erkenntnis daraus ist also nicht, dass Züge Flugzeuge automatisch ersetzen, sondern dass nachhaltige Reiseentscheide dann realistisch werden, wenn das gesamte Mobilitätssystem sie schnell, bezahlbar und unkompliziert macht.
- Oesingmann & Ennen (2025): The impacts of high-speed rail expansion on short-haul air passenger transport – Evidence from German domestic and international traffic. Page 2.
- SWISS International Air Lines. SWISS Air Rail: Integrated rail and air services.
- Blanquart & Koning (2017): The local economic impacts of high-speed railways: theories and facts. Page 7.
- Community of European Railway and Infrastructure Companies (CER). (2025). EU survey reveals large majority of citizens would swap planes for high-speed trains to travel in Europe.
- French Ministry for Ecological Transition. (2023). Domestic air service restrictions and rail alternatives in France.

