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Umwelt

Das «Wasserschloss Europas»putzt sich raus

Wer heute von Quellenschutz spricht, meint den unerlaubten Zugriff von KI auf geistiges Eigentum. Wenn Marja Nieuwveld auf Quellenschutz pocht, dann ist die Rheinquelle gemeint.

Roland Schäfli
18.06.2026, Naturfreund 2/26
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Dem Müll auf den Grund gehen: Taucher dringen auf einer Tiefe von zwölf Metern zum Unrat im Bergsee vor. Foto: zVg

Still und dunkelblau liegt er in einer Senke, auf 2345 Metern, in einem Kessel am Fuss des Piz Badus: der Tomasee. Sein Name stammt aus dem Rätoromanischen – «Tuma» steht für Hügel – und lässt nicht auf seine besondere Bedeutung schliessen. Doch dieser «See beim Hügel» wird als Quelle des Rheins angesehen. Der Beginn der Verbindung zwischen Alpen und Nordsee und die Quelle eines der bedeutendsten Flüsse Europas.

Neben seinem geografischen Prestige ist er auch ein touristisches Ziel. Der beliebte Vier-Quellen-Weg, die Wanderroute im Schweizer Gotthardmassiv, bringt zusätzliche Tourist:innen dort hinauf. Oft Ausflügler:innen, die nicht mit der Bergwelt vertraut sind. Für ihre Verpflegung bringen sie Snacks mit und lassen den Abfall zurück. Paradoxerweise werden diese Artikel an Kiosken der Region verkauft. Dabei zählen durchaus auch Einheimische zu den Verschmutzenden. Am Gotthard fanden die Putzequipen sogar alte Werbeplakate in den Seen und Fischer:innen hinterlassen am Ufer und in den Gewässern Silch und Köder. Wie sehr die Rheinquelle im Laufe der Jahrzehnte unter dieser Unachtsamkeit gelitten hat, zeigt sich demnächst.

Denn am Samstag, 19. September 2026, werden Umweltsünden zutage gefördert. Dann nämlich, am «Gotthard Cleanup Day», dringen Taucher:innen auf eine Tiefe von zwölf Metern zum Unrat vor, der im See schlummert. Aufgrund der besonderen Rahmenbedingungen zählt das Projekt auch im europäischen Vergleich zu den aussergewöhnlich hoch gelegenen Tauch-Cleanup-Einsätzen. Freiwillige Helfer:innen reinigen Bergseen, Wanderwege und Alpenpässe im Gotthardgebiet.

Der Gotthard als verbindende Kraft

Hinter der Aktion steckt der gemeinnützige Verein mit dem vielsagenden Namen «Gotthard-Connects». Er konnte namhafte Persönlichkeiten von seinem Anliegen überzeugen. Für Altbundesrat Ueli Maurer, im Patronat des Vereins, zählt das Wasserschloss Europas «zum Reichtum unseres Landes». Unternehmer Samih Sawiris lässt sich so zitieren: «In Ägypten, meiner Heimat, ist Wasser nicht selbstverständlich. Umso mehr schätze ich das klare Quellwasser in Andermatt. Das blaue Gold ist ein USP für die ganze Region.» Für Patrizia Kummer, Olympiasiegerin im Snowboard, bedeutet der Gotthard nichts weniger als der «Knotenpunkt der Welt.»

Treibende Kraft hinter der Aufräumaktion ist jedoch eine gebürtige Niederländerin: Marja Nieuwveld, die sich «Wasserbotschafterin aus Leidenschaft» nennt. Diese Berufung fing schon früh an. Als Baby, gerade mal drei Wochen alt, nahmen die Eltern sie das erste Mal mit nach Andermatt in die Ferien. In Andermatt verliebte sie sich dann – nicht nur in die Natur. «Als ungeduldiger Teenager war ich mit 18 Jahren schon mit einem Andermatter verheiratet.»

Lange lebte Nieuwveld da, wo der Rhein in die Nordsee fliesst: als Unternehmerin in Rotterdam. Ihr Lebensmittelpunkt war jedoch stets an dessen Ursprung. 2011 konnte sie der Anziehungskraft des Gotthards nicht mehr widerstehen und zog nach Andermatt. Endlich konnte sie ihr Herzblut direkt in der Region einsetzen. Sie arbeitete für vier touristische Organisationen, durfte unter anderem den Vier-Quellen-Weg vermarkten. Immer stärker fiel ihr dabei auf, dass Besucher:innen die Naturschönheiten nicht nur bewundern – sondern sie oftmals gleichgültig als Abfalleimer benutzen.

Foto: zVg
Hinterlassenschaft auf dem Seegrund: geborgen wurde ein Militärtelefon. Foto: zVg
Rhein Cleanup an der Quelle Tomasee. Foto: zVg
Rhein Cleanup am Oberalppass. Foto: zVg

Aufsehenerregende Aktionen

Aus touristischem Knowhow und den partnerschaftlichen Verbindungen mit den Standortgemeinden entstand schliesslich die Idee des «Gotthard Cleanup Day». Mit dem Verkauf eigener Glas-Karaffen promotet der Verein das Trinken von gesundem Quellwasser, geschöpft aus dem Gotthard. Immer bei solchen Aktionen fliesst ein Teil des Erlöses in Projekte zum Schutz der Bergregion.

Und bereits sind neue Projekte in der Projektphase: Auf den Alpenpässen sollen transparente Behälter für Zigaretten aufgestellt werden. Sie werden genau anzeigen, wie viel Wasser geschützt wird, wenn die Zigarette nicht weggeworfen, sondern entsorgt wird – denn ein einzelner Filter kann bis zu 1000 Liter verunreinigen.

Weltweiter Putztag

Der Putztag in den Schweizer Alpen ist in eine noch weit grössere Aktion eingebettet: Am selben Tag mobilisiert der internationale «World Cleanup Day» Millionen von Menschen, die gemeinsam ein Zeichen gegen Umweltverschmutzung setzen. Weltweit gelangen jährlich Millionen Tonnen Abfall in die Umwelt – ein grosser Teil davon erreicht über Flüsse die Meere. Die Schweizer IGSU (Interessengemeinschaft für eine saubere Umwelt) verantwortet hierzulande die Logistik.

Abfallmenge steigt

Nachdem sich die Putz-Aktivist:innen mehrere Jahre auf den Gotthardpass konzentrierten, liegt der Schwerpunkt in diesem Jahr auf dem Oberalppass und dem Oberalpsee. «In den Anfangsjahren sammelten wir jeweils rund 1000 Liter Abfall», erklärt Marja Nieuwveld, «vergangenes Jahr waren es bereits 1500.» Dieses Jahr rechnen die Organisator:innen mit noch grösseren Abfallmengen. Insbesondere das Altmetall macht einen grossen Anteil aus. Die freiwilligen Helfer:innen trennen den Abfall soweit möglich noch vor Ort.

Die Einsatzteams treffen sich am 19. September 2026 gegen 10 Uhr. Der Abschluss der Arbeiten ist für 16 Uhr vorgesehen. Detaillierte Informationen zum Programm werden den angemeldeten Teilnehmenden einige Tage vor dem Anlass zugestellt.

Auch Personen, die selbstständig einen Abschnitt reinigen möchten, sind willkommen. Interessierte werden gebeten, sich vorgängig zu melden, damit Abfallsäcke bereitgestellt werden können.
Anmeldungen bis 15. September 2026 unter: welcome@gotthard-connects.ch

Hintergrund: Seit 2024 ist der World Cleanup Day ein offizieller Aktionstag der United Nations, jeweils am dritten Samstag im September. Ursprung ist ein Müllsammelprojekt in Australien 1989.
Digital Cleanup Day: Ergänzend dazu gibt es den Digital Cleanup Day, der auf die Umweltauswirkungen digitaler Daten aufmerksam macht.
Ziel: Vermüllung der Erde beenden, Bewusstsein schaffen und lokale Gemeinschaften stärken.

Mehr Infos unter www.quellwasser.ch

Breite Unterstützung

Die Tourismusbehörden zeigten sich begeistert von der Idee, die Kantone Uri und Graubünden, die Gemeinden Andermatt und Sedrun, aber auch der Fischereiverband sicherte Unterstützung zu (der See bleibt an diesem Tag für die Fischer:innen gesperrt). Etwas aufwändiger war das Prozedere für die Aktion im Oberalpsee, denn das Tauchen ist im Stausee aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. Um das Vorhaben dennoch zu ermöglichen, mussten in enger Zusammenarbeit mit der Korporation und dem EWU (Elektrizitätswerk Ursern) umfangreiche Sicherheitsmassnahmen erarbeitet und konsequent umgesetzt werden.

Taucheinsatz am Tomasee

Für den Einsatz in der Rheinquelle selbst, die von Bergbächen gespiesen wird, fliegt ein Helikopter mehrere Taucher:innen hinauf, um sie samt Ausrüstung am Ufer abzusetzen. Damit der Lufteinsatz möglichst nachhaltig erfolgt, wird er mit Materialtransporten der Badushütte kombiniert. Da der Seegrund noch nie geputzt wurde, lässt sich nur raten, was dort zu finden ist. Weil der Tomasee gut erreichbar ist und die Besucherzahlen in den letzten Jahren noch zunahmen, dürften die Taucher:innen sicherlich fündig werden. Sie beschränken sich auf Sichtbares, obwohl im Laufe der Zeit natürlich viel Abfall auch überwachsen wurde. Da es sich auch um Militärgelände handelte, wird die Gelegenheit genutzt, mit seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen. Vorgängig wird in militärischen Unterlagen geprüft, welche heiklen Stoffe sich dort verbergen.

«Letztes Jahr fanden wir in einem Bergsee sogar ein Militärtelefon», sagt Marja Nieuwveld. «Wir beginnen nun, diese Museumstücke zu sammeln.» Die symbolische Wirkung dürfte über den einzelnen Tag hinaus anhalten. «Langfristig möchten wir ein neues Bewusstsein für die Umweltverantwortung auch in schwer zugänglichen Hochgebirgsregionen stärken.»

Im Interview

Marja Nieuwveld

Vereinspräsidentin Gotthard-Connects

Marja Nieuwveld ist Vereinspräsidentin von Gotthard-Connects. Mit dem Gotthard Cleanup Day hat sie eine Säuberungsaktion lanciert, die jedes Jahr mehr an Zuspruch gewinnt.

Wasserbotschafterin und Putzfrau der Bergseen

Marja Nieuwveld, nachdem der Gotthard Cleanup Day nun seit mehreren Jahren durchgeführt wird: hat sich das Umweltbewusstsein in der Gotthard-Region verbessert?
Leider fehlt es uns grundsätzlich nicht an Arbeit. Egal, wann ich auf einem Pass wandere, ich finde Zigarettenstummel, Plastikabfall und Aludosen. Mir scheint, dass Auto-Tourist:innen nicht unbedingt auch Naturliebhaber:innen sind. Kürzlich sah ich einen Automobilisten, der ungerührt seinen Aschenbecher am Strassenrand ausleerte. Noch immer realisieren solche Personen nicht, dass ein einziger Zigarettenstummel bis zu 1000 Liter Wasser verunreinigen kann.

Warum richtet sich der Blick der Säuberungsaktion erstmals auf die Rheinquelle?
Wir wussten, mit der Reinigung der Rheinquelle durch Taucher würde uns ein Primeur gelingen, der Aufmerksamkeit schafft. Taucher und Material werden per Helikopter auf 2345 Metern am Tomasee abgesetzt. Diesen Aufwand hat noch niemand betrieben.

Der Oberalpsee ist ein Stausee. Wie wird die dortige Tauchaktion koordiniert?
Unterdessen unterstützen uns 15 Berufs- und Hobbytaucher, die ihre Expertise im Tauchen von Bergseen in zwei Tauchgängen einbringen. Besonders wichtig ist die Einhaltung der Sicherheitsrichtlinien. Die Taucher teilen sich den Oberalpsee in Quadranten auf. Die Hälfte des Oberalpsees in der Nähe des Kraftwerks darf nicht betaucht werden. Die Taucher im Grenzquadranten erhalten eine Boje, so dass Beobachter am Wasser einen Alarmton weitergeben können, wenn sich ein Taucher dem Rand des vorgegebenen Perimeters nähert. Die Helfer am Land helfen dann, die Funde mit Netzen an Land zu schaffen.

Ist das Bewilligungsprozedere einfacher geworden?
Ja, weil die Gemeinden feststellen konnten, dass wir wirklich etwas bewirken. Ohne diesen Goodwill hätten wir auch die Erlaubnis des EWU nicht erhalten. So hat sich zum Beispiel die Gemeindeverwaltung Sedrun bereit erklärt, Sitzbänke für die Ruhepausen der Helfer aufzustellen und sogar den eingesammelten Abfall abzuholen, was sehr hilfreich ist, denn bis dahin haben die Helfer den nassen, schmutzigen Unrat in ihren privaten PWs transportiert. Immer komplexer wird dagegen das Antragswesen für finanzielle Unterstützung. Was früher lokal entschieden wurde, wird heute an eine zentrale Stelle weitergeleitet. Aufwändiges Ausfüllen von Antragsformularen wird dann tendenziell mit weniger Unterstützung belohnt.

Ist es nicht entmutigend für die Helfenden, wenn schon bald nach der Reinigungsaktion neuer Abfall abgeladen wird?
Ich rate allen Helfern immer, ärgert euch nicht, wir wollen Freude ausstrahlen und nicht als Wutbürger auftreten.

Autor:in

Roland Schäfli

Roland Schäfli ist freier Autor für verschiedene Medientitel, Kundenmagazine und Special Interest Publikationen im In- und Ausland. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, Hörspiele geschrieben und Satire produziert. www.rolandschaefli.ch

Redaktion: christine.schnapp@naturfreunde.ch

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