Gemeinsam in die Zukunft
Schön wars, das Jubiläumsjahr 2025 der Naturfreunde Schweiz. Nach dem Feiern folgt nun kein Kater, sondern der gemeinsame Aufbruch in die nächsten hundert Jahre Naturfreunde. Wie das gehen soll, weiss Sebastian Jaquiéry, Co-Präsident der Naturfreunde Schweiz.
In den vergangenen Ausgaben dieses Magazins wurde viel über die spannende Geschichte der Naturfreunde Schweiz geschrieben. Doch ein runder Geburtstag, wie ihn unser Landesverband dieses Jahr feiern darf, ist nicht nur Anlass zum Rückblick, sondern auch eine Gelegenheit, sich mit der Zukunft zu befassen.
Welche Zukunft hat unser Verband, von und für die Arbeiterklasse gegründet, in einem der reichsten Länder der Welt? Wer braucht heute noch geplante Bergtouren, wenn jede:r selber mit der Wander-App unterwegs sein kann? Wo sind die Freiwilligen in dieser individualisierten Welt? Knifflige Fragen, die eine Antwort verlangen – in jeder Sektion, jedem Haus und vom Verband insgesamt.
Neu sind diese Fragen natürlich nicht. Der gesellschaftliche Wandel hat längst Einzug gehalten und alle Vereine in der Schweiz müssen laufend darauf reagieren. Dennoch zeigen die Zahlen, dass wir unseren Kurs noch stärker dem Wind anpassen müssen: Die Anzahl unserer Mitglieder ist seit Jahren rückläufig. Viele Sektionen bekunden Mühe, Freiwillige für Ämter zu finden. Zudem steht ein Wandel bevor, denn in den nächsten 15 Jahren werden viele heutige Mitglieder altersbedingt aus dem Verband austreten.
Es gibt also einige Herausforderungen zu meistern. Um diesen geschlossen entgegenzutreten, haben wir in Zusammenarbeit mit den Sektionen eine Verbandsstrategie erarbeitet, die 2024 einstimmig verabschiedet wurde. Sie bringt unsere gemeinsamen Ziele auf den Punkt und hilft uns, unsere Prioritäten zu setzen.
Aber es geht hier nicht um trockene Dokumente, sondern um etwas viel Wichtigeres.
Hand aufs Herz!
Hand aufs Herz – warum stehst du am Morgen auf? Weil du musst, natürlich. Weil du sonst deine Stelle verlierst, irgendwer sonst auf dich sauer ist oder einfach, weil die Natur ruft. Aber wann stehst du gern auf? Wenn du dich auf etwas freust, natürlich. Weil du etwas tun kannst, das dich glücklich macht. Freund:innen treffen, spannende Dinge erleben, etwas tun, worauf du stolz bist. Genau an diese Gefühle wollen wir anknüpfen und die Freude freisetzen, bei den Naturfreunden dabei zu sein.
Eine wichtige Zutat für die Freude, Naturfreund:in zu sein, ist ein klarer Sinn und Zweck. Jede:r sollte wissen, wozu die Naturfreunde da sind. Das ist zum Glück ganz einfach zu merken, denn unser Motto heisst: «Wir Naturfreunde wollen gemeinsam die Natur erleben und erhalten.» In diesem Satz stecken drei wichtige Elemente, die unsere Bewegung ausmachen.

Gemeinsam: Bei uns sind alle Menschen willkommen. Wir ermöglichen Begegnungen verschiedener Generationen und aus allen Bevölkerungskreisen. Wir setzen uns für Toleranz und demokratische Werte ein, fördern die Freundschaft und sind für alle Menschen offen, die unsere Werte teilen.

Natur erleben: Die Naturfreunde fördern das Aktivsein in der Natur. Wir setzen uns für einen gesunden, respektvollen und fairen Sport ein. Beim Wandern, Bergsteigen, im Schnee oder auf dem Wasser geniessen wir das Naturerlebnis.

Natur erhalten: Wir setzen uns für den Erhalt einer intakten Natur und Umwelt ein. Wir nehmen Rücksicht auf sie, pflegen einen achtsamen Tourismus und geben umweltschonenden Verkehrsmitteln den Vorzug.
Wer bisweilen ernüchtert die Hände verwirft, wenn sich an der GV wieder niemand als Kassier:in meldet oder wenn wieder nur die gleichen Nasen zum Putztag erscheinen, der sollte einen Blick in den neusten Freiwilligenmonitor (2025) der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) tun. Dort finden sich Erkenntnisse, die optimistisch stimmen und zum Nachdenken anregen. Zum Beispiel:
- Die Schweiz belegt einen Spitzenplatz in Sachen Freiwilligkeit! Knapp 3/4 der Schweizer Bevölkerung sind Mitglied in einem Verein, viele in mehreren. 41 % der Bevölkerung leisten dort mindestens einmal pro Jahr Freiwilligenarbeit. Tendenz: stabil.
- Von den Menschen, die sich aktuell nicht freiwillig engagieren, hätte jede sechste Person Interesse an einem künftigen Einsatz und etwa die Hälfte kann sich das zumindest vorstellen. Besonders gross ist das Interesse bei jüngeren Menschen und bei Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit.
- Damit ein Engagement in Frage kommt, braucht es vor allem genügend Zeit, ein spannendes Thema/Anliegen, flexible Einsatzmöglichkeiten und die richtigen Mitstreiter:innen. Formelle, langfristige Verpflichtungen haben es dagegen zunehmend schwieriger.
- Die wichtigsten Gründe, warum Menschen in Vereinen Freiwilligenarbeit leisten, sind: (1) Spass haben, (2) Verbundenheit mit der Organisation, (3) mit anderen zusammenkommen, (4) um anderen zu helfen und (5) um gemeinsam etwas zu bewegen. Die SGG schreibt dazu: «Spass steht klar vor Pflicht.»
Was können die Naturfreunde aus diesen Erkenntnissen lernen? 1. Nicht resignieren, sondern motivieren – Freiwilligkeit soll Spass machen und einen Sinn haben. 2. Freiräume schaffen für Neues. Sucht die Diskussion mit allen Mitgliedern darüber, was euch Spass macht, was ihr als Verein erreichen wollt und wie ihr funktioniert. 3. So wenig wie möglich mit Ämtli arbeiten und stattdessen einen Pool von Helfenden aufbauen, die für kürzere Projekte oder an einzelnen Tagen etwas leisten. Dort, wo es Ämtli braucht, helfen kürzere Amtszeiten, Co-Leitungen, Arbeiten im Turnus und eine frühzeitige Klärung der Nachfolge. 4. Die Ressourcen mit anderen Sektionen teilen und Fusionen oder andere Formen der Zusammenarbeit prüfen. 5. Offen sein! Ohne Respekt und Toleranz geht es nicht.
Diese Werte sind für die Naturfreunde nicht neu, denn Solidarität und die Begeisterung für die Natur waren bereits vor hundert Jahren Teil unserer DNA. Sie haben unsere Gründungsmitglieder nach 60 Stunden in der Fabrik – müde, aber voller Freude – in die Berge gebracht. Und so ging es nicht nur in der Schweiz, sondern in vielen Ländern. Nicht ohne Grund zählen die Naturfreunde heute weltweit über 350 000 Mitglieder und gehören zu den zehn grössten Umweltverbänden Europas!
Diese drei Werte verbinden uns nicht nur mit unserer Vergangenheit, sondern auch mit den anderen Naturfreunde-Organisationen auf der Welt. Dank ihnen sind wir nicht allein, in unserem Dorf, Kanton oder Land, sondern Teil einer Bewegung, die nicht nur Berge besteigt, sondern sie auch versetzen kann.
Und wer sind diese Naturfreunde?
Den Naturfreund oder die Naturfreundin gibt es nicht – was unsere Bewegung ausmacht, ist ihre Vielfalt. Trotzdem sind wir über unsere Werte und Wünsche auch verbunden, wie Umfragen unter den Mitgliedern zeigen. Die meisten von uns sind bei den Naturfreunden wegen des Bergsport- und Übernachtungsangebots, den Freundschaften und weil sich die Naturfreunde für Solidarität und Umweltschutz einsetzen. Bei den neu eintretenden Mitgliedern der Sektionen ist das attraktive Angebot heute der wichtigste und – mit geringem Abstand – das Umweltengagement der zweitwichtigste Grund. Bei den neu in den Landesverband Eintretenden ist es umgekehrt.
Unser Ziel ist es, als Bewegung bis 2030 wieder 15 000 Mitglieder zu haben. Doch wer sind diese künftigen Naturfreund:innen? Zuerst einmal sind das alle, die sich von unseren Werten, Aktivitäten und Projekten angesprochen fühlen und die wir heute mangels Präsenz in der Öffentlichkeit noch nicht erreichen. Grosses Potenzial sehen wir besonders in der Romandie und im Tessin, wo unsere Bewegung untervertreten ist. Zuspruch versprechen wir uns dabei besonders von Personen, die an einem neuen Lebensabschnitt stehen. Dazu zählen bspw. Familien mit jungen Kindern, die für Übernachtungen oder fürs Wandern in die Natur wollen. Aber auch jene, die aus dem Ausland in die Schweiz gekommen sind oder die innerhalb der Schweiz den Wohnort wechseln und am neuen Ort Anschluss suchen. Und zu guter Letzt ist es auch jenes Bevölkerungssegment, das auf die Rente zugeht und eine sinnvolle Betätigung sucht. Diese Personengruppen möchten wir gezielter ansprechen, neue Angebote für sie schaffen, sie als Mitglieder gewinnen und ihnen attraktive Rahmenbedingungen bieten, um sich als Freiwillige zu engagieren.
Von Worten zu Taten
Träume und schöne Worte hat man unter den Naturfreunden freilich schon einige gehört und nicht alle wurden Realität, wie uns die letzte Ausgabe des «Naturfreund» mitunter schmerzhaft vor Augen führte. Warum, fragt der oder die skeptische Lesende, sollte es dieses Mal anders sein? Darauf möchte ich gern drei Antworten geben: erstens, weil wir müssen. Wir müssen, wenn wir als nationaler Verband künftig noch relevant sein wollen. Und wir müssen, weil die Zeiten es von uns verlangen. Nie war es seit den politisch-gesellschaftlichen Umbrüchen in Europa nach 1989 dringender, gemeinsam für unsere Werte einzustehen, als in dieser Zeit der Krisen, der Entfremdung und des Verlusts an Menschlichkeit.
Zweitens, weil wir können, denn zum ersten Mal seit über dreissig Jahren stehen wir als Verband geeint da, haben unsere Altlasten beseitigt und blicken nach vorn. Wir haben tausende motivierte und tatkräftige Freiwillige überall in der Schweiz und engagierte Mitarbeitende in Bern, die sie unterstützen. Und wir haben viele Mitglieder, die bereit wären, mehr zu tun. Wenn wir diese geeinte Kraft auf den Boden bringen, können wir die Naturfreunde zu einer schweizweit bekannten Bewegung mit Gesicht und Profil machen.
Und drittens, weil wir nicht nur träumen, sondern schon längst tun: Wir haben begonnen, unsere Bewegung sichtbarer zu machen. Wir haben die Grundlagen bereitgestellt, damit alle Sektionen strategisch tätig werden können und wir wieder stärker in eine gemeinsame Richtung arbeiten (siehe Kasten). Und zu guter Letzt ist das laufende Jubiläumsjahr selbst ein Paradebeispiel für Zusammenarbeit und Solidarität und hat uns schweizweit neue Sichtbarkeit gegeben – was sich auch in den Beitritten spiegelt.
Der Wind aus dem Jubiläumsjahr wird uns weitertragen. Wir werden die Sektionen mit Ideen, praktischen Hilfsmitteln und bei Bedarf auch finanziell darin unterstützen, ihren Kurs zu setzen, neue Zielgruppen zu erreichen, neue Ideen auszuprobieren und Dinge zu tun, die die Werte der Naturfreunde sichtbar machen. Und wir werden das als Landesverband auf nationaler Ebene natürlich auch selbst tun. Die Segel sind gesetzt.
Du bist Naturfreundemitglied und möchtest unsere Bewegung weiterbringen? Dann hast du viele Möglichkeiten, aktiv zu werden:
- Bist du Sektionsmitglied? Such das Gespräch mit deinen Sektionsgschpänli, dem Vorstand oder an der GV. Oder schau dir unseren Flyer für die Strategie-Umsetzung durch die Sektionen an. naturfreunde.ch/verbandsstrategie-2024
- Bist du Direktmitglied beim Landesverband oder möchtest sonst auf nationaler Ebene etwas bewegen? Melde dich per E-Mail an sebastian.jaquiery@naturfreunde.ch.
- Komm an unsere Naturfreunde-Tagung am 5. September 2026 in Bern und hol dir neue Inspiration für eure Sektion/euer Naturfreundehaus.
- Brauchst du Geld für ein neues, innovatives Vorhaben? Der Entwicklungsfonds der Naturfreunde Schweiz unterstützt innovative Vorhaben, die unsere Werte sichtbar machen und unsere Zielgruppen ansprechen mit bis zu 15 000 CHF. Mehr Infos unter naturfreunde.ch/entwicklungsfonds.
- Brauchst du Rat oder hast Ideen? Melde dich bei uns unter info@naturfreunde.ch.

