Eineinhalb Mal um die Schweiz
Die Länge der Schweizer Landesgrenze misst exakt 1935 Kilometer bei 7132 Grenzpunkten. Um die Schweiz auf Wegen möglichst nahe der Grenze zu umwandern, hat der Autor im «Zick-Zack» jedoch 3000 Kilometer zurückgelegt.
Täglich auf dem Weg mit klarem Ziel. Der erste Schritt ist der Wichtigste. Neues und Ungewisses erleben, improvisieren und Hindernisse überwinden, Zeit haben mit sich selbst, an Grenzen stossen, die Qualität der Einfachheit. All dies sind Eigenschaften, welche das weite Wandern ausmachen. Und sein Heimatland zu umwandern, ist etwas ganz Spezielles.
Freiwillig gebe ich meine Anstellung sowie den festen Wohnsitz auf. Die Absicht, mit 55 Jahren nochmals etwas ganz anderes zu machen, führt mich dazu, die Schweiz 2022 entlang der Landesgrenze zu umwandern. Während gut fünf Monaten, 3000 Kilometern und 150 000 Höhenmetern gelange ich zu persönlichen Erkenntnissen, stosse auf Grenzwertiges und Erhellendes. Fünf Nachbarländer, zwei Enklaven, 15 Kantone, 290 Gemeinden, verschiedene Sprach- und Kulturregionen.
Im Gegenuhrzeigersinn
Das kulturelle Erbe reiht sich mit den Grenzsteinen wie Perlen einer Kette um die Schweiz aneinander. Interessantes und Sehenswertes dies- und jenseits der Landesgrenze, aber auch gesellschaftliche Verbindungen und Divergenzen begleiten mich auf Schritt und Tritt und lassen mich auch Grenz-Wertiges erleben. Über längere Zeit zu Fuss unterwegs sein und mehrheitlich im Zelt zu schlafen ist verbunden mit tiefgreifender Erdung. Leben nur mit dem, was ich auf dem Rücken trage – und dabei glücklich sein – runden das Gefühl von absoluter Freiheit ab.
Der Start erfolgt Ende März im Fürstentum Liechtenstein. Ich wandere im Gegenuhrzeigersinn; manchmal diesseits, manchmal jenseits der Grenze, bei gesamthaft rund 1800 (kleinen) Grenzquerungen. Ich darf nicht lange an die noch zu bewältigende Strecke mit den letztlich 4,4 Millionen Schritte denken; irgendwann werde ich am Ziel sein. Dieses ist vorerst das Schwäbische Meer (Bodensee), dann der nördlichste Punkt der Schweiz, das Dreiländereck um Basel und so weiter.
Verbindet oder trennt eine Grenze?
Als Beispiel einer verbindenden und einer trennenden Grenze dient die Region Kreuzlingen (CH)-Konstanz (D), wo seit Jahren die «Kunstgrenze» einen vorherigen Zaun ersetzt. Hier wirkt die Verbindung der Ortsteile dies- und jenseits der Landesgrenze sogar stärker, als wenn die Grenze optisch nicht sichtbar wäre. Einige hundert Meter weiter trennt dieselben Städte jedoch weiterhin ein Maschendrahtzaun mitten durchs Wohngebiet.
Während den ersten zwei bis drei Wochen auf Weitwanderung «radelts» im Kopf des Weitwanderers gewaltig. Es gilt, Unerledigtes und Belastendes loszuwerden, abzuarbeiten oder zu notieren. Dabei kommt mir flaches – nicht etwa langweiliges – Gelände, wie etwa entlang dem Rhein, ohne technische Schwierigkeiten durchaus gelegen. Und wenn ich später in den Bergen trotz steilem Anstieg und schwerem Rucksack gar in den «mentalen Tunnel» gelange, fühlt sich dies an wie Fliegen. Eines der höchsten Gefühle auf der Tour.
Grenze und Grenzsteine
Es ist spannend, entlang dem Kulturerbe mit den sehr unterschiedlichen und oft historischen Grenzsteinen zu wandern. Die Gemeindegrenze von Rodersdorf (BL) z. B. ist zu 88 Prozent auch Schweizer Landesgrenze mit 81 Grenzsteinen. Der hier ausgeschilderte Grenz-Kultur-Weg soll zum Nachdenken über Grenzen anregen und eignet sich gut auch als einfache Tageswanderung.
Landesgrenzsteine weisen neben dem eingeritzten Grenzverlauf eine eigene Nummer, das Jahr der Grenzfestlegung sowie die Initialen der Länder beidseits der Grenze auf. Damit ist zu einem gewissen Teil sogar die territoriale Entwicklung der Kantone bzw. des benachbarten Auslands ablesbar. Mir wird dank dieser Marksteine bewusst, dass Sardinien einst Nachbar der Schweiz war. Dies ist mit ein Grund dafür, dass die über 7000 Grenzpunkte nicht chronologisch durchnummeriert sind. So gibt es z. B. über sechzig Grenzpunkte mit der Nummer 1. Die ältesten Grenzsteine, sogenannte Renaissance-Steine im Tessin, stammen aus dem 16. Jahrhundert.
An körperliche und mentale Grenzen zu stossen ist reizvoll, auch die Abwechslung von steilen Anstiegen und auch mal langweiligen Strecken ist interessant. Das Improvisieren und zwischendurch auch Überwinden von Herausforderungen ist ebenso faszinierend, wie nicht genau zu wissen, was auf einen zukommt.
Allein ist der Grenzwanderer fast immer, einsam fast nie. Bei sich selbst sein und sich doch nicht allein fühlen, ist wunderbar. Und wieder in Gesellschaft ist das Weitwandern umso schöner. Die Qualität der Einfachheit, kombiniert mit der unglaublichen Erdung auf einer derartigen Tour, lässt mich bis zu den Grundfesten des Ichs vordringen. Dann auch den einfachen Luxus wieder zu schätzen und zu geniessen ist bereichernd. So ist es wirklich möglich, mit weniger (noch) besser zu leben.
Grenzerfahrungen können etwas auslösen, ein Start sein, den Blick öffnen. Sie müssen nicht lebensbedrohend sein. Es kann auch bedeuten, aus der Routine auszubrechen, etwas Neues zu versuchen, um die Ecke zu schauen. Aus der Komfortzone auszubrechen, vielleicht auch Grenzen kennenzulernen, bringt mich weiter.
Die Schweizumwanderung ist eine erlebnisreiche, vielseitige, interessante und vor allem wunderschöne Tour. Einfach spektakulär!
Rettende Landesgrenze
Der französischen Grenze entlang wandere ich 43 Kilometer oft in urwaldähnlichem Gehölz entlang des Grenzflusses Doubs: Die Grenzfestlegung ist nicht mittig im Fluss, sondern den (früheren) Stärkenverhältnissen der Länder entsprechend un-typisch auf Seite des Schweizer Ufers. Dennoch hat die Schweiz 1881 im unweit gelegenen Val de Travers der völlig erschöpften französischen Bourbaki-Armee Schutz und Hilfe auf der Flucht geboten, um nur eine der militärischen Tragödien entlang der Landesgrenze zu nennen.
Im Genf erwartet mich der von der Europäischen Organisation für Kernforschung 100 Meter unter der Erdoberfläche realisierte und mit 27 Kilometern Umfang der wohl grösste unterirdische Kreisel. Mit dem gigantischen Teilchenbeschleuniger will das CERN durch das Aufeinandertreffen der kleinstmöglichen Teilchen bei grösstmöglicher Geschwindigkeit erkunden, woher die Menschheit kommt und wohin sie gehen könnte. Eine Tagesetappe und ein paar Schwimmzüge weiter bin ich nahe dem westlichsten Punkt der Schweiz – mitten in der Rhone.
Flach und steil
Den nord-nordwestlichen, flacheren Teil der Schweizumwanderung von Balzers bis zum Grenzdorf St. Gingolph (F/CH) am Genfersee lege ich in knapp 50 Etappen bei durchschnittlich gegen 500 Höhenmetern pro Tag zurück.
Für den zweiten Teil der Tour geht es bei durchschnittlich 1500 Höhenmetern pro Tag nun in die Berge. Am Port d’Hiver hält mein ultraleichtes Zelt dem Sturm und am Tag darauf am Col de Susanfe zwischen Dent du Midi und Les Dentes Blanche dem Gewitterhagel prima Stand. Später zwingen mich beim Zeltaufbau und einer plötzlich daher schreitenden Herde Eringerkühe die offensichtlich unterschiedlichen Kräfteverhältnisse zum Rückzug. Übernachtungen in aussichtsreicher Lage mit Sonnenuntergang und -aufgang zählen für mich doch zu den Höhepunkten des Bergtreckings, bei manchmal geradezu kitschigen Szenerien.
Landesgrenze und Klimawandel
Die Landesgrenze ist im Gelände oft als natürliche Begrenzungen wie Gewässer oder Bergkämme ersichtlich. Am höchsten Punkt der Tour auf 3300 m ü. M. am Passo Theodulo oberhalb Zermatts wird mir die Auswirkung des Klimawandels auf die Landesgrenze bewusst. Durch Verschiebung des Bergkamms aufgrund schmelzender Gletscher stehen eine Berghütte und eine Lift-Bergstation gemäss Definition der Landesvermessung mittlerweile auf dem Terrain des benachbarten Landes. Ohne eine Einigung zwischen der Schweiz und Italien auf einen Landabtausch wäre ein Baugesuch zum Umbau der Berghütte oder die Entrichtung der Mehrwertsteuer künftig im benachbarten Land erforderlich.
Entlang der Landesgrenze passiere ich weitere Highlights: Neben der gewaltigen Walliser und Tessiner Bergwelt sind dies z. B. Europas einst grösste Goldgräberstätte bei Gondo, der Ort mit den bedeutendsten Strahlerfunden im Binntal und das Unesco-Weltnaturerbe San Giorgio mit den bedeutendsten Fossilienfunden des Trias-Zeitalters.
Grenzsicherung und Begegnungen
Auf dem Weg zum südlichsten Punkt der Schweiz nahe Chiasso verdichten sich die Grenzsicherungen deutlich. Es sind Hinweise an der Bahnlinie, Maschendrahtzaun mit Stacheldraht und Elektrobändern bis hin zu massiven Stahl- und Betonbefestigungen. Da mag die lachende Mädchenfigur, flankiert von der sichernden «Helvetia mit Hellebarde», geradezu höhnisch wirken.
Etwas weiter auf dem Pizzo Meda oberhalb Chiasso fühlt sich das Schlafen direkt auf der Landesgrenze mit dem Kopf auf der einen, den Füssen auf der anderen Seite der Grenze wahrlich verbindend an. Verbindend können auch Begegnungen wirken. So etwa bei der Festa di Apertura im Refugio San Jorio des italienischen Alpenclubs CAI, östlich von Bellinzona. Die herzlich ausgelassene und fröhliche Stimmung mag das tage- und wochenlange alleine Wandern emotional bei Weitem kompensieren, aus Dankbarkeit gar zu feuchten Augen rühren.
Superlative zum Schluss
Weitere Superlative, diesmal wieder landschaftlicher Art, folgen entlang dem Kanton Graubünden als längstem kantonalen Grenzabschnitt. Es sind dies etwa die Abfolge spektakulärer Felskammüberschreitungen südlich des Bergells, zur spontanen Erfrischung einladende und an die Karibik anmutende türkisfarbene Bergseen oder der in senkrecht abfallenden Felsen geschlagene Weg im Unterengadin. Und dazwischen Grenzerfahrungen physischer und psychischer Art bei der Querung von Sturmholzbeständen oder entlang mit Gras verwobener Stacheldrähte – mutmasslich aus dem Ersten Weltkrieg. Zunehmend einsetzende Vorboten des Winters lassen mich als Grenzgänger entlang der Landesgrenze schliesslich bis hüfttief frische Spuren entlang von Grenzkämmen ziehen – bis hin zu frühwinterlichen Schuh-Schneeabfahrten und blutender Kopfwunde. Dass entlang des Rätikon nach 3000 Kilometern und 133 Umrundungstagen des zum Herzensprojekt gereiften Unterfangens das Titelbild zum Buchcover besiegelt wird, ist gut und gerne als würdevolles Symbol zu werten.

