Pyrenäenwanderer – Eine dokumentarische Fussreise vom Atlantik zum Mittelmeer
In 80 Tagen durch die Pyrenäen – ein Wanderbericht über eine Forschungswanderung nach traditioneller, geografischer Methode mit offenen Sinnen für die Umgebung.
Unter dem Namen «PirPedes» wanderte im Sommer 2023 ein kleines Team vom Atlantik bis zum Mittelmeer durch die Pyrenäen mit dem Ziel, die Pyrenäenregionen zu Fuss kennenzulernen. Eine wechselnde Zahl von Mitwandernden begleitete das Kernteam über kürzere oder längere Abschnitte. Dieses Projekt verfolgte das Ziel, die Pyrenäenregionen zu Fuss kennenzulernen. Dabei ging es uns darum, unterwegs Erlebtes und Erfahrenes mit dem Ergebnis weiterer Recherchen zu verbinden. Die Mitglieder der Wandergruppe dokumentierten, was sie sahen und hörten, knüpften Kontakte und führten Gespräche mit Menschen, die sie unterwegs trafen. Sie folgten dabei der traditionellen geografischen Methode, mit der früher Reisende, Gelehrte und Literat:innen ihnen unbekannte Gegenden wandernd erforschten und dazu Reiseberichte verfassten. Die Reiseroute verlief mehrheitlich auf der spanischen Südseite und zu einem kleineren Teil auf der französischen Nordseite der Pyrenäen.
Die Pyrenäen reichen von den grünen Vorgebirgen des Baskenlandes über die Dreitausender Aragóns und Kataloniens bis zu den östlichen Ausläufern am Mittelmeer. Anders als die Alpen sind die Pyrenäen bis heute zu grossen Teilen durch wilde und einsame Gegenden geprägt. Zwischen den Alpen und den Pyrenäen gibt es eine Reihe von Unterschieden: Zunächst einmal haben die Pyrenäen deutlich kleinere Dimensionen: Mit 430 Kilometern sind sie rund ein Drittel so lang wie die Alpen und ihre höchsten Gipfel sind mit 3400 Metern einiges weniger hoch. An den Pyrenäen haben drei Staaten Anteil, an den Alpen deren acht und die Pyrenäen sind weniger dicht besiedelt als die Alpen. Gemeinsam mit den Alpen ist den Pyrenäen der Charakter als einer der grossen Naturräume und eines der wichtigsten Rückzugsgebiete für Tiere und Pflanzen in Europa. Wie die Alpen verfügen die Pyrenäen über eine lange Tradition der Berglandwirtschaft. Sie ist jedoch deutlich weniger intensiv geprägt, vergleichbar mit den Südalpen in Frankreich und Italien. Die Alpen wie die Pyrenäen sind ein beliebtes Urlaubsziel für Gäste aus dem In- und Ausland.
Von Donostia nach Candanchú
Unsere Wanderung starten wir auf dem Monte Urgull, dem kleinen Felsbuckel mitten im Zentrum von Donostia, dem früheren San Sebastián. Dann geht es über den langgezogenen Pyrenäenausläufer Jaizkibel mit wunderbarer Aussicht auf die französische Atlantikküste. Während der ersten Tage wandern wir durch die grüne Hügellandschaft des Baskenlandes. Ein erster Höhepunkt ist das alte Kloster Roncesvalles mit seiner Pilgerherberge. Wir kreuzen den berühmten Jakobsweg, der von hier über mehrere hundert Kilometer nach Santiago de Compostela führt. Nach und nach werden die Berge höher und die Wege steiler und wir erleben die ersten Übernachtungen in den einfachen Berghütten der Pyrenäen. Der erste Teil unserer Wanderung endet im aragonesischen Wintersportort Candanchú.
Euskadi und Catalunya
Die autonomen spanischen Pyrenäenregionen Euskadi (Baskenland) und Catalunya (Katalonien) haben ihre eigene Sprache und Kultur. Ihre Unabhängigkeitsbestrebungen haben eine lange Geschichte. Während der Francozeit unbarmherzig unterdrückt, verleiht ihnen Madrid heute mehr Autonomie. Dennoch erhalten radikale autonomistische Parteien immer wieder viel Zuspruch, wie im Jahr 2017, als die katalanische Regionalregierung die Unabhängigkeit vom spanischen Zentralstaat ausrief.
Von Candanchú nach Hospital de Benasque
Nun geht es so richtig ins Hochgebirge. Nach Candanchú verbringen wir eine Woche in Berghütten auf beiden Seiten des Pyrenäenhauptkamms. Nationalpärke und Naturpärke mit einladenden Gebirgsseen laden ein, doch leider ist das Baden oft untersagt. Nach einigen Tagen erreichen wir die legendäre Brèche de Roland, jene Lücke, die der Sage nach der Ritter Roland mit seinem Wunderschwert Durendal in den Berggrat geschlagen hat, um es zu zerstören. Gleich daneben besteigen wir ohne Schwierigkeiten den Pico Taillón, er ist mit 3144 m der höchste Punkt unserer Tour. Nach weiteren Bergtagen in den Hochpyrenäen erreichen wir das mondäne Hospital de Benasque und ruhen uns bei reichhaltigem Essen und gutem Wein ein paar Tage aus.
Geier, Bär und Mannstreu
Mit ihren wilden, wenig besiedelten Landschaften sind die Pyrenäen ein ideales Rückzugsgebiet für die Wildtiere. So beherbergen sie die grössten Geierkolonien Europas. Hier leben aber auch über hundert Bären und eine kleinere Zahl von Wölfen. Anders als die Geier, die dauernd über den Köpfen der Wandernden kreisen, trifft man die Grossraubtiere kaum an. Auch die Pflanzenwelt der Pyrenäen ist einmalig. Noch gibt es einmalige Wälder mit uralten Eichen und Buchen. An besonderen Standorten blühen seltene Arten wie die Candolle und das Knabenkraut. Aber auch Blumen wie die Englische Schwertlilie und die Pyrenäendistel verleihen den Bergwiesen ihr Gepräge.
Von Hospital de Benasque nach Gósol
Schon bald wandern wir an den höchsten Gipfeln der Pyrenäen vorbei. Auf eine Besteigung des Pico de Aneto (3404 m) verzichten wir, da wir dafür Pickel, Seil und Steigeisen benötigt hätten. Weit oben am Berg schmelzen in der heissen Sonne die letzten Reste des einstmals stolzen Aneto-Gletschers dahin. Bis in rund zehn Jahren werden in den Pyrenäen die letzten Gletscher verschwunden sein. Über Stock und Stein geht es teilweise weglos, aber immer gut markiert weiter in Richtung Mittelmeer. Mit dem Fluss Noguera Ribagorçana überqueren wir die Grenze zwischen Aragon und Katalonien. Aber noch haben wir fast die Hälfte unseres Pyrenäen-Abenteuers vor uns. Die Nähe des Mittelmeers wird spürbarer, Landschaft und Klima werden trockener, die Vegetation mediterraner. Andorra lassen wir links liegen und besuchen den Bischofsitz La Seu d’Urgell, dessen Bischof zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten das (repräsentative) Staatspräsidium des Zwergstaates innehat. Einige Tage später erreichen wir das pittoreske Picasso-Städtchen Gosol.

Dominik Siegrist. Pyrenäenwanderer. Eine dokumentarische Fussreise vom Atlantik zum Mittelmeer. Haupt Verlag, Bern 2024. CHF 34 (im Buchhandel erhältlich), 224 Seiten, ISBN 9783258083988.
Ordesa, Pyrenées und Aïguestortes
In den Pyrenäen besteht eine grosse Zahl von Grossschutzgebieten und Schutzgebieten in den unterschiedlichen Kategorien, die sich in vielfältiger Weise überschneiden. So durchquerten wir zahlreiche Naturpärke und drei Nationalpärke. Ordesa y Monte Perdido ist der zweitälteste spanische Nationalpark und liegt ganz in Aragon. Auf der nördlichen Seite der Grenze befindet sich in der französische Parc national des Pyrénées. Auch Katalonien besitzt mit Aigüestortes i Estany de Sant Maurici einen eigenen Nationalpark. Alle Parks warten mit wunderschönen Landschaften und einer reichen Tier- und Pflanzenwelt auf. Besonders in den Sommermonaten sind sie aber auch beliebte touristische Anziehungspunkte mit oft überfüllten Hütten.
Von Gosol nach Portbou
Von Gosol führt unsere Route noch einmal so richtig hoch hinauf. Wir erklimmen das 2500 Meter hohe Cadí-Massiv und überschreiten es vom Anfang bis zum Ende. Leider stecken wir in den Wolken und mit der erhofften Aussicht ins weite Tal von Cerdanya wird es nichts. Unverhofft taucht vor uns eine grosse Kolonie von Pyrenäen-Gämsen aus dem Nebel auf. Über die ehemalige Industriestadt La Pobla de Lillet mit ihrem riesigen stillgelegten Zementwerk (heute ein Industriemuseum) erreichen wir den berühmten katalanischen Pilgerort Vall de Núria. Es ist Sonntag und wir sind nicht allein, als wir Nostra Senyora de Núria in der Wallfahrtskirche besuchen. Ein letzter Höhepunkt jeder Pyrenäentour ist die Besteigung des 2785 m hohen Canigou. Der Berg liegt zwar in Frankreich, gilt aber als katalanisches Nationalheiligtum. Der Gipfelanstieg ist steil, Schwindelfreiheit ist von Vorteil. Dann geht es innert drei Tagen 2500 Meter hinunter nach Céret. Von da erreichen wir nach ein paar weiteren Wandertagen über die Pyrenäenausläufer Portbou und damit die Gestade des Mittelmeers.
Franco und Flucht
Die Küstenorte Banyuls-sur-Meer und Portbou blicken auf eine besondere und dramatische Geschichte zurück. Hier war vor und während des Zweiten Weltkrieges die wichtigste Fluchtoute, zuerst der Verfolgten der Franco-Diktatur von Spanien nach Frankreich, dann jener des Naziregimes von Frankreich nach Spanien und von dort weiter nach Übersee. Einer der bekanntesten Flüchtlinge war der deutsche Schriftsteller Walter Benjamin, der sich am 26. September 1940 in Portbou das Leben nahm. Ihm und allen anderen Verfolgten ist in Portbou der eindrucksvolle Gedenkort «Passagen» gewidmet.
Der Start der Wanderung erfolgte am 6. Juli 2023 in Pasaia bei Donostia/San Sebastián im Baskenland, die Ankunft in Portbou war am 22. September 2023. Die Tour dauerte 79 Tage, davon waren 61 Wandertage. Mit wenigen Ausnahmen betrugen die Auf- und Abstiege nicht mehr als 1200 Höhenmeter pro Tag, oft waren es weniger. Die Wandergruppe bewegte sich fast immer auf markierten Wander- und Bergwegen, die keine besonderen alpinistischen Kenntnisse erfordern. Berggängigkeit und eine gute konditionelle Verfassung sind für eine Weitwanderung dieser Dimension jedoch Voraussetzung. Übernachtet wurde in Berghütten, Wanderherbergen und Hotels, gelegentlich auch in Ferienwohnungen. Für die Anreise nach Donostia/San Sebastián und die Rückreise von Portbou wurde die Eisenbahn benutzt. Auch die meisten anderen Talorte können ab der Schweiz in einem Reisetag mit dem öffentlichen Verkehr erreicht werden.
Unsere Wanderroute verlief mehrheitlich auf der spanischen Südseite und zu einem kleineren Teil auf der französischen Nordseite der Pyrenäen. Besucht wurden die Regionen Baskenland, Navarra, Aragón und Katalonien in Spanien sowie die Départements Pyrénées-Atlantiques, Hautes-Pyrénées und Pyrénées-Orientalesin Frankreich. Die Wanderung folgte über längere Strecken dem spanischen Weitwanderweg GR 11, dem Gran Recorrido 11, auch Ruta Transpirenaica oder La Senda Pirenaica genannt. Kleinere Abschnitte verliefen auf dem französischen GR 10 und auf lokalen Wanderwegen. Insgesamt bewältigte die Gruppe eine Distanz von 890 Kilometern und je 45 000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg.

