Hochalpiner Passübergang mit Zollstation –Schmuggellandschaft Bergell erwandern
Während mehr als einem Jahrhundert gehörte das Schmuggeln von Zigaretten, Kaffee und anderen Gütern zum Alltag an der Schweizer Südgrenze. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der […]
Während mehr als einem Jahrhundert gehörte das Schmuggeln von Zigaretten, Kaffee und anderen Gütern zum Alltag an der Schweizer Südgrenze. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Schmuggel in der Schweiz unter dem Titel «Export II» legalisiert, während er in Italien weiterhin verboten blieb. Geschmuggelt wurde überall, wo es aufgrund der Gegebenheiten möglich war, unabhängig davon, ob es Wege gab oder nicht.
Auf den damaligen Wegen der Schmuggler brechen wir zum Murettopass im Bergell auf. Fast drei Jahrhunderte lang war er ein wichtiger innerbündnerischer Übergang. Nach der Loslösung des Veltlins von Graubünden entstand hier 1797 eine neue Grenze mit dem österreichischen Kaiserreich. Wenig erstaunlich, dass im Gebiet des Muretto-
passes das Schmuggelgeschäft blühte.
Aus dem früheren Bergeller Maiensäss und der alten Passstation Maloja ist ein moderner Tourismusort geworden, geprägt von Zweitwohnungsbauten und einer Hauptstrasse mit viel Verkehr. Dem Ort sieht man kaum mehr an, dass er einst der Ausgangspunkt einer wichtigen Handelsroute für den Warenverkehr zwischen Graubünden und dem Veltlin war. Die obersten Bergeller Gemeinden, Maloja und Casaccia, waren hauptsächlich das Revier der Schmuggler aus dem Val Malenco. Immer wieder gab es Träger, die nicht in Maloja haltmachten, sondern gleich auch noch den Weg hinunter nach Casaccia unter die Füsse nahmen.
Charakter: Bergwanderung im hochalpinen Gelände (T3)
Jahreszeit: Ende Juni bis Oktober
Karten: Julierpass 268 T, Monte Disgrazia 278
Start/Ziel: Postautohaltestelle Maloja Post, Busstation Chiareggio (nur in der Sommersaison, Fahrplan unter stps.it)
Einkehren und übernachten: Diverse Unterkünfte und Restaurants in Maloja (bregaglia.ch) und Chiareggio (sondrioevalmalenco.it/en/chiareggio), Ferien- und Bildungszentrum Salecina (salecina.ch), Bergwirtschaft Lägh da Cavloc
Bemerkung: Der Themenweg über das Schmuggeln «Capel» in Maloja ist auch für Kinder geeignet (bregaglia.ch)
Wanderzeiten
Maloja–Lägh da Cavloc: 1 h 30
Lägh da Cavloc–Plan Canin: 0 h 45
Plan Canin–Murettopass: 2 h 15
Murettopass–Chiareggio: 2 h 00
Total Maloja–Chiareggio: 6 h 30
Distanz 17 km; Höhendifferenz auf 915 m; ab 1129 m

Wir starten bei der Postautohaltestelle Maloja Post (1815 m) und gehen der Passstrasse entlang Richtung Hotel Kulm. 200 Meter vor dem alten Passhotel liegt linker Hand das gemauerte, zweiteilige Gebäude, das früher die Zollstation der Schweizer Grenzwache war. Von hier aus kontrollierten die Zöllner den Warenverkehr über den Murettopass. Der Grenzposten wurde 1975 aufgehoben, das Haus an Private verkauft. Die Route führt weiter auf der Passstrasse bis zur Abzweigung nach links Richtung Orden zum Parkplatz und zum Hochwasserrückhaltedamm.
In ihrem Standardwerk «Grenzerfahrungen. Schmuggel und Flüchtlingsbewegungen im Fextal und Bergell 1930–1948» berichten Mirella Carbone und Joachim Jung über die neunzigjährige Erna Pool aus Orden. Sie erinnert sich an die Schmuggler, die über den Muretto- oder Fornopass kamen und bei ihnen anklopften: «Manchmal übernachteten die Männer im Heustall neben dem Haus. Wir nahmen den Reis und gaben den Schmugglern Salz, das sie dringend brauchten. Vor allem im Sommer gab es einen regen Schmuggelverkehr in Orden. Wenn Vater Militärdienst hatte und weg war, hatte meine Mutter Angst, sie war allein mit uns Kindern in Orden. Es ist aber nie etwas passiert.»
Beim Parkplatz nehmen wir den Themenweg «Percorso dei Contrabbandieri – Capel». Er führt über die Staumauer auf die linke Seite der Orlegna und von da durch den Lärchenwald über einen sanft ansteigenden Wanderweg zum Lägh da Bitaberg. 17 Posten am Weg vermitteln Einblicke in das Leben und Wirken der Schmuggler. Vom Lägh da Bitaberg geht es weiter zum Lägh da Cavloc und zur Alp da Cavloc und von dort bis Plan Canin. Nach rechts ginge es ins Fornotal hinein. Wir aber zweigen nach links ab, überqueren die Orlegna und ziehen Richtung Murettopass hoch.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert wanderte hier auch der Lehrer und Schriftsteller Jakob Christoph Heer. In seinen Streifzügen im Engadin berichtete er von seinen Beobachtungen: «Auf dem Steg, der über die Orlegna zum Passpfad hinüberführt, rasten zwei Bergleute, von denen jeder eine Balle, die für die Kraft eines Mannes dreimal zu schwer scheint, auf das Geländer gestützt hat. Wollen die Leute in harter Sonntagsarbeit wirklich mit ihren Lasten den zehnstündigen Weg nach Sondrio machen; sind es Schmuggler, die die Waren nur bis in die Nähe der Passhöhe tragen, sie dort unter die Felsen verstecken und liegen lassen, bis ihre Freunde sie nächtlicherweile abholen? – Wir wissen es nicht; sie und der Säumer aber, der mit seinem beladenen Maultier über den Pass herniedergezogen kommt, sagen uns, dass dem Muretto trotz den schönen Alpenstrassen der Bernina und des Bergells eine örtliche Bedeutung geblieben ist.»
Über Geröllhalden wird der Bergweg steiler und schon bald ist der Passübergang zu sehen. Oben auf dem Murettopass (2560 m) angekommen, steht man auf der Landesgrenze. Rechts oberhalb auf einer Kuppe steht das ehemalige italienische Zollhaus. Ein steiler Pfad führt hinauf. Es war regelmässig von Zöllnern besetzt, die das Gebiet streng überwachten. Das war der Grund, weshalb die Schmuggler den Muretto-pass zeitweilig mieden und andere Übergänge wählten, etwa die Sella del Forno im Fornotal sowie die Übergänge aus dem Engadin durch das Fextal.
Vom Murettopass folgt der lange Abstieg nach Chiareggio im Val Malenco. Auf der alten, von den Naturkräften gezeichneten Militärstrasse erreichen wir die Alpe Monterosso Inferiore. In dieser Gegend stiessen im August 1903 italienische Grenzwächter aus Chiareggio auf vier bewaffnete Schmuggler aus dem Val Malenco. Es kam zu einem Feuergefecht und ein Grenzwächter wurde verletzt.
Von der Alp geht es über Kehren hinunter nach Chiareggio (1612 m), dem obersten bewohnten Ort im Val Malenco. Das Dorf bildete eine wichtige Basis für die Schmuggler, von hier stiegen sie über die Pässe in die Schweiz hinüber.
Die Schweizer Grenzwächter hatten unter den Schmugglern einen besseren Ruf als ihre italienischen Kollegen. Annibale Masa beschrieb in den 1930er-Jahren in seinem Geschichtenbuch über das Val Malenco «A Chiesa, un tempo, si andava a giovello …» die Schweizer Grenzwächter als gute Menschen. Ihnen sei es nicht in erster Linie darum gegangen, die Schmuggler zu kontrollieren, im Gegenteil, sie seien gerne stehen geblieben, um mit ihnen zu plaudern und ihnen nützliche Hinweise zu geben. Einige Schmuggler hätten mit den Zöllnern in einem guten Austausch gestanden. Manchmal, wenn sie keinen Dienst gehabt hätten, seien die Schweizer Grenzwächter in Chiareggio als Wanderer eingekehrt.

Das Buch «Schmuggellandschaften» lässt auf 42 ausgewählten Wanderungen die Geschichte des klassischen Schmuggels zwischen der Schweiz und Italien (1861–1975) lebendig werden. Historische Kapitel, Fotos, Karten und wandertechnische Informationen runden dieses besondere Lesewanderbuch ab. Mit Beiträgen von Stéphane Andereggen, Adriano Bazzocco, Franz Ebner, Elsbeth Flüeler, Manuel Haas, Fiorenzo Rossinelli, Raphael Rues, Dominik Siegrist, David Spinnler, Andrea Tognina, Edita Truninger, Andreas Weissen und Ivo Zanoni.

