Höhenangst überwinden
Höhenangst betrifft viele Menschen und kann deren Wandererlebnisse empfindlich trüben. Diesem Gefühl gegenüber muss man aber nicht hilflos ausgesetzt bleiben. Mit einem gezielten Training kann man ihr beikommen. Ein Erfahrungsbericht.
Das Angebot von Höhencoach® von David Elsasser und Bettina Atzgerstorfer umfasst Einzel- und Gruppentrainings für Menschen mit Höhenangst sowie Gehtechnik-Trainings für mehr Trittsicherheit im alpinen Gelände. Alle Infos: www.hoehencoach.ch
Gerade noch wähne ich mich auf einer der schönsten Wanderungen, die ich je erlebt habe, doch nur zehn Meter später ist Schluss. Nichts geht mehr. «Nie im Leben gehe ich auf diesem schmalen Weg um diesen Felsen herum, der so weit in den Bergpfad hineinragt!» Rechts von mir gehts senkrecht runter, hundert, zweihundert Meter – und kein einziger Baum, der einen Sturz auffangen könnte. Ich fühle mich hilflos und ausgeliefert, bin kurzatmig – auch ein wenig vor Wut, in diese Lage gekommen zu sein und nicht wie alle anderen Wandernden die schmale Stelle einfach passieren zu können. Und ich weiss, früher wäre mir das nicht passiert.
Früher ist, bevor ich Kinder hatte. Mit den Kindern kamen die Ängste. Um ihr Wohlbefinden, um ihre Zukunft, um alles Böse, das ihnen widerfahren könnte und vor dem ich sie nicht beschützen kann. Um die Welt, in der sie leben, um ihr Umfeld, das ihnen wichtig ist, um die Menschen, die für sie da sein sollten und damit am Ende auch um mich. Die Ängste sind in meinem Kopf, doch spüren tue ich sie in meinem Körper. Beim Wandern und Klettern etwa, wenn es etwas abschüssiger wird, oder beim Ski- und Velofahren, wenn es etwas schneller wird. Angst ist immer irrational. Und Angst ist immer rational. Wenn es rechts steil runtergeht, schätzt mein Kopf das zurecht als gefährlich ein und gleichzeitig vergisst mein Körper, dass er solche Situationen schon tausendmal problemlos gemeistert hat.
Unter Höhenangst, auch Akrophobie genannt, versteht man nicht die Angst vor der Höhe, sondern vor dem Fall aus der Höhe. Ein gesunder Respekt vor Höhe ist angeboren, er kann sich aber im Laufe des Lebens aus diversen Gründen zu einer Angst steigern. Man spricht in diesem Fall von einer angelernten Angst, die mit einem gezielten Training wieder verlernt werden kann. Rund 5 Prozent der Bevölkerung ist von Höhenangst betroffen, darunter auch gut trainierte, regelmässige Berggänger:innen.
Einige Jahre lang umschiffe ich meine Höhenangst, achte beim Planen meiner Wanderungen darauf, dass es keine ausgesetzten Stellen gibt auf der Tour. Doch irgendwann werden die Wanderungen, die ich meine, mir nicht zutrauen zu können, immer mehr. Die Höhenangst nimmt zu, wohl weil ich ihr nichts entgegenstelle. Irgendwann fallen ihr auch Aufenthalte auf Aussichtstürmen und Balkonen ab etwa dem 4. Stock zum Opfer. Hängebrücken gehen mit Ächzen und Würgen, Seilbahnen bleiben hingegen stets problemlos. Angst ist eben irrational. Weil mich die Höhenangst schlussendlich zu stark einschränkt, beschliesse ich, mein Problem anzugehen, um danach hoffentlich wieder alle Wanderungen unternehmen zu können, auf die ich Lust habe.
Gamechanger Grosser Mythen?
Ich melde mich für ein Höhenangsttraining bei den Höhencoaches David Elsasser und Bettina Atzgerstorfer. Die beiden litten früher ebenfalls unter Höhenangst, heute machen sie problemlos Hochtouren und David Elsasser absolviert zudem die Ausbildung zum Hochtourenleiter SAC. Mit ihrem Unternehmen Höhencoach® bieten sie Einzel- und Gruppentrainings an für Menschen, die ihre Höhenangst überwinden wollen. Zusammen mit zwei anderen Trainings-Teilnehmenden treffen wir uns am Fuss des Grossen Mythen. Der Morgen des Trainingstages ist der Theorie und der mentalen Vorbereitung auf die Wanderung gewidmet. Wir lernen, Höhenangst zu verstehen und erfahren, was im Körper abläuft, wenn er sich in der Höhe an einer exponierten Stelle befindet. Wir reflektieren unsere eigene Höhenangst. Diese ist bei jedem Menschen etwas anders ausgestaltet. Und wir erhalten von den beiden Coaches Werkzeuge, die wir vor, während und nach dem Höhentraining anwenden können.
Nach dem Mittagessen gehts los. Ich bin angespannt gespannt auf das, was in den nächsten Stunden passieren wird. Werde ich die Angst aushalten und angehen können? Oder werde ich heulend und mit zittrigen Knien an der dritten Kehre umdrehen? Von den Coaches aufmerksam beobachtet und einfühlsam begleitet bringen wir Serpentine um Serpentine hinter uns und bei mir geschieht – nichts. Also nicht ganz nichts, denn ich geniesse die Wanderung und die Aussicht. Die Höhenangst aber meldet sich an diesem Berg nicht bei mir. Ich vermute, dass die Ketten der Grund dafür sind, die den Weg grösstenteils auf einer, streckenweise auch auf zwei Seiten sichern und die für mich an exponierten Stellen einen Tag-Nacht-Unterschied ausmachen können. Angst ist eben irrational rational.
Die Höhenangst loswerden möchte ich aber immer noch. Deshalb melde ich mich nochmals bei den Höhencoaches und wir verabreden uns für eine Wanderung auf dem Säntis. Von der Bergstation aus soll es über den Lisengrat zum Rotsteinpass und wieder zurück gehen. In der Gondel zum Gipfel eröffnet mir Bettina Atzgerstorfer, dass wir übrigens bei der zweiten Stütze der Bahn aussteigen und den Rest der Strecke zu Fuss zurücklegen werden. Aus der sicheren Bahn auf einem 25 Meter hohen Turm aussteigen?! Für mich eine Horrorvorstellung. Zu diskutieren gibt es aber nichts und schon stehen wir oben auf der Plattform. So geht es gleich los mit einer ersten wichtigen Übung gegen Höhenangst. Ich soll nur auf meine Füsse schauen und den nächsten Tritt avisieren, nicht runterschauen und rundherum. Und tatsächlich, indem ich die Höhe auf diese Art ausblende, kann sie mir auch keine Angst machen und ich komme sicher unten an. Die sogenannte Himmelsleiter zum Gipfel ist zwar ziemlich steil, aber die Wege sind wenig exponiert und deshalb für mich einigermassen gut machbar.
Bei dieser Therapieform geht es darum, sich der Höhenangst bewusst auszusetzen und dabei zu erleben, dass die subjektive Bewertung der Gefahrensituation übertrieben oder gar unbegründet war. Dies geschieht über die schrittweise Überprüfung der eigenen Befürchtungen. Die positiven Erlebnisse, die Betroffene dabei machen, helfen mit, zukünftige Gefahrensituationen realistischer einzuschätzen. Nach und nach wird dabei im Gehirn das Erleben von Höhe als etwas Positives oder zumindest Neutrales abgespeichert.
Eine Frage der Perspektive
Der Lisengrat ist ein hervorragendes Trainingsgelände, um meiner Höhenangst zu begegnen. Die zweite wichtige Lektion geht beim Blick vom Gipfel auf die Strecke los, die wir zurücklegen werden. Viele Abschnitte scheinen mit aus der Ferne schlicht nicht begehbar. Zu steil, zu abschüssig, monumental gefährlich. Bettina Atzgerstorfer erklärt mir, dass das einer der grossen Fehler sei, die man beim Wandern (mit Höhenangst) machen könne. Von Weitem sieht ein Weg oder ein Streckenverlauf in der Regel ganz anders aus als von Nahem, insbesondere was die Breite des Weges, die Steilheit und die Abschüssigkeit neben dem Pfad anbelangt. Und so werden tatsächlich unterwegs gewisse Abschnitte, die von Weitem unbezwingbar aussahen, zu Spaziergängen und die richtig angsteinflössenden waren aus der Distanz gar nicht zu sehen. Ausgerüstet mit diesen beiden wichtigen Tipps sowie dem Wissen aus dem ersten Training, dass die Atmung einer der entscheidenden Hebel gegen Angst ist – die übrigens wie jedes andere Gefühl mit der Zeit wieder vergeht –, bezwinge ich auf der gesamten Wanderung etwa zehn Stellen, die mir richtig Angst machen. Ich schaue nur auf den nächsten Schritt, bleibe stehen und atme tief, wenn es nötig ist und blende die weitere Umgebung aus. Ausser natürlich Bettina Atzgerstorfer, die mich mit ihrer ruhigen Art sicher durch die gefährlichen Stellen begleitet, mir mit weiteren hilfreichen Tipps zu Körperhaltung und Schritttechnik zur Seite steht und mich machen lässt, wenn ich einen Mutanfall habe. So ein Einzeltraining ist ein echter Luxus! Meine Höhenangst habe ich am Ende dieses Tages nicht komplett verloren. Aber ich habe erlebt, dass ich Angstsituationen angehen und so Wege meistern kann, die mir vor dem Training unmöglich zu gehen schienen. Ich bin der Angst nicht mehr ausgeliefert, sondern habe von den Höhencoaches ein Handlungsrepertoire erhalten, um sie schrittweise in die Schranken zu weisen, Dieser Erfolg macht grosse Lust, dranzubleiben und mein Ziel weiter anzustreben.

